Predigt über das "Brot des Lebens",
Johannes 6,47-51, Pfr. Alexander Behrend, ev. Kirche Gönningen, 18.3.2007
Liebe Gemeinde,
altbackenes Brot schmeckt nicht -
auch, wenn man auch meiner Generation noch weiß machen wollte,
daß altes viel gesünder sei als frisches Brot:
klar:
vom frischen ißt man automatisch mehr -
und das war für die Älteren schwierig,
weil die noch wirklich wußten, was Brot wert ist.
Aber auch das änderte natürlich nichts an dem Faktum, daß altbackenes Brot nicht wirklich gut schmeckt.
Wie schmeckt, duftet doch ein frisch gebackener Laib!
Mein Bäcker-Schwager, mittelständischer Unternehmer und absoluter Profi, hat die etwas gewöhnungsbedürftige Eigenart, bei uns am Frühstückstisch das Brot oder Brötchen erst einmal unter die Nase zu halten:
Wie das duftet - oder auch nicht.
Es ist eine Wissenschaft um das Brot und das Backen.
Die Qualitätsunterschiede sind groß und der Wettbewerb hart.
So sehr die Bäckereien um unsere Käufergunst werben,
so sehr umwerben uns
die Sinnangebote, Religionen, Kirchen, Weltanschauungen, Ratgeber, Wahrsager und Schwarzseher.
Die Methoden und Medien mögen sich gewandelt haben -
neu allerdings ist all das nicht.
Auch unser christlicher Glaube stand schon immer in der Konkurrenzsituation.
Er mußte sich auf dem jüdisch-römischen Markt durchsetzen gegen Mithras, Zarathustra, Merkur und viele andere.
Und es passierte ihm das, womit im Moment die Bio-Landwirtschaft zu kämpfen hat:
Man entwickelte sich - vor wenigen Jahrzehnten noch unvorstellbar - zum Marktführer.
Spätestens im 4. Jahrhundert hatte die christliche Religion eine quasi marktbeherrschende, um nicht zu sagen Monopol-Stellung inne.
Monopolisten haben es aber durchaus schwer:
Sie drohen zu degenerieren, zu entarten,
drohen zu korrumpieren und ihre Stellung unlauter auszunützen,
die Menschen über den Tisch zu ziehen -
oder wie im Christentum später: nach Jerusalem Menschen ins Messer rennen zu lassen
oder Außenseiter selbst das Messer an die Kehle zu legen.
Nun sagen Sie zu Recht, daß das doch wirklich nicht mehr unser Problem ist:
Marktbeherrschend sind wir Christen-Kirche längst nicht mehr;
zumindest nicht in unseren Breiten,
die Aufteilung in konkurrierende Sub-Unternehmen stärkt die Mitbewerber,
die Attraktivität hält sich in überschaubaren Grenzen -
die Gefahr, sich nur noch um den eigenen Laden, aber nicht mehr um die Kunden zu kümmern, ist groß.
Liebe Gemeinde,
kann aber sein, daß wir damit näher am Ursprung unseres Glaubens sind, als wir vermuten.
Kann sein, daß wir uns dadurch wieder ganz neu um das Zentrale, den Mittelpunkt mühen und ihn suchen müssen und können.
Kann sein, daß es nicht mehr um Sahneschnittchen und Croissants geht,
sondern ums Brot, um das Lebensnotwendige, ums Wesentliche, um die Mitte:
Christus spricht - und wir lesen es im Johannes-Evangelium, Kapitel 6:
"Wahrlich, wahrlich, ich sage euch:
Wer glaubt, der hat das ewige Leben.
Ich bin das Brot des Lebens.
Eure Väter haben in der Wüste das Manna gegessen
und sind gestorben.
Dies ist das Brot, das vom Himmel kommt,
damit, wer davon ißt, nicht sterbe.
Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel gekommen ist.
Wer von diesem Brot ißt, der wird leben in Ewigkeit.
Und dieses Brot ist mein Fleisch,
das ich geben werde für das Leben der Welt."
Liebe Gemeinde,
kann sein, daß Sie diese Worte, die wir im Johannes-Evangelium aus dem Munde Jesu hören,
kann sein, daß Sie das wie altbackenes Brot empfinden:
etwas zu trocken,
wenig Aroma
und eher zu hart als zu weich.
Vielleicht haben Sie es aber auch wie mein Schwager unter die Nase gehalten -
und haben gestutzt, daß da eine ganz merkwürdige Würze, die Würze des Lebens ist, des ewigen Lebens.
Diese Würze kann sogar ein bißchen stechend daher kommen,
wenn man genau hinriecht.
Denn der Anspruch, den Jesus hier erhebt, ist totalitär und autoritär und absolut -
also all das, was Sie in einer aktuellen Diskussion auf keinen Fall sein dürfen, um nicht vor die Tür gesetzt zu werden.
Unser Jesus aber macht das - und das ist in der Tat ein Problem.
Weil es nämlich seine Nachfolger sich zur Angewohnheit gemacht haben über Jahrhunderte, diesen Anspruch mit recht weltlichen und durchaus blutigen Mitteln durchzusetzen.
Und weil wir heute wieder sehen, wie Menschen ihre religiösen Ansichten mit eben diesen Mitteln durchzusetzen suchen:
tödlich, blutig, skrupellos.
Alles wird schief und krumm und ungenießbar,
liebe Gemeinde,
wenn nicht beides in einem Atemzug gesprochen wird:
Ich bin das Brot des Lebens! - Ich - und sonst nichts und keiner!
Und jenes andere:
Ich gebe mich für das Leben der Welt!
Alles hängt daran, daß wir das beides in einem Atemzug sagen -
alles hängt an jenem christlichen Opferkult, der alle Opfer und alle weltlichen Kulte ad absurdum führt.
Weil dieser eine sich aufopferte für das Leben der Welt,
verbieten sich die Opfer:
die Selbstopfer - und erst recht, andere zu opfern auf den Altären des eigenen Fanatismus.
Ich gebe mich für das Leben der Welt!,
sagt Jesus.
Und wir drohen über den Opfern und dem Opfern den Verstand zu verlieren,
weil uns der Kruzifixus,
weil uns der Karfreitag,
weil uns das Kreuz,
weil uns diese Hauptachse in unseren Gotteshäusern,
weil uns diese Achse und Ausrichtung unseres Lebens altbacken wird und abhanden kommt.
Jahr für Jahr müssen wir uns in der Passionszeit wie jetzt,
müssen wir uns in der Karwoche daran abarbeiten,
daß Jesus sich gab für das Leben der Welt -
damit wir den Duft des Ostermorgens wahrnehmen können.
Was bin ich froh, daß Jesus das Brot des Lebens ist - für mich und alle Welt - egal, ob sie's weiß und glaubt oder nicht.
Was bin ich froh, daß das bei uns angekommen ist, zu wissen: Christus, das lebendige Brot!
Was können wir froh sein!
Mensch, freu dich doch!
Aber ich weiß schon, das ist, zumindest bei mir, immer auch noch eine andere Stimme in einem,
eine durchaus diabolische;
die sagt nämlich:
Ey, sei gefälligst tolerant, sonst machst du dich unbeliebt -
die anderen Religionen und Weltanschauungen und die vielen Ratgeber-Autoren wollen schließlich auch leben und sind auch wer.
Ey, die Wahrheit hat heutzutage keiner gepachtet und keiner die Weisheit mit Löffeln gefressen -
das kommt ganz schlecht, wenn du so verstanden wirst.
Ey, so ein paar flankierende Maßnahmen neben dem Herrn Jesus sind vielleicht nicht das Dümmste:
ein bißchen Esoterik, ein Schuß Horoskop, ein bißchen "Glaub-an-dich-selbst" und "Hilf-dir-selbst".
Diabolische Stimmen,
Dissonanzen in meinem Herzen,
Klänge, die nicht mit dem Anspruch Jesu harmonieren.
"Ich bin das Brot des Lebens.
Vom Himmel gekommen."
Und sonst ist das nichts und niemand, das wäre wie ich.
Und wenn du das nicht willst, gibt's nichts, gibt es nur nichts und mich schon gar nicht.
Liebe Gemeinde,
Mangelernährung, Unterernährung im Überfluß droht.
Wenn wir uns Jesus nicht einverleiben,
wenn er sich uns nicht einleibt,
dann nehmen wir alles Mögliche zu uns -
und sterben.
Das ging sogar den Israeliten in der Wüste so.
Ein gewagter Vergleich!
War es nicht ein Wunder, war es nicht wie direkt aus dem Himmel, war das nicht total überirdisch,
als die Wüstenwanderer auf der Route Ägypten-Kanaan dieses Manna als Wegzehrung bekamen.
Aus göttlicher Hand in den Mund,
immer genug für den Tag, der anstand, bewältigt zu werden.
"Eure Väter haben in der Wüste das Manna gegessen
und sind gestorben."
Selbst die Gottesgabe, das göttliche Wunderbrot bringt kein wirkliches, wahres, ewiges Leben.
Alles, was der Mensch anfassen, ansehen, kauen, riechen, schmecken kann, bringt kein Leben.
Es mag am Leben erhalten -
am Ziel sind wir erst, wenn das, was nicht zu fassen ist, in uns kommt:
das lebendige Brot, das vom Himmel gekommen ist,
Jesus, das fleischgewordene Wort des Vaters,
das glaubenwirkende Wort an dich,
die Energie fürs Leben,
so wie Brot Energie spendet und am Leben erhält - in Ewigkeit!
Liebe Gemeinde,
wie funktioniert solcher Glaube?
Wie soll das gehen, was Jesus da sagt?
Der Glaube funktioniert, indem er Gott und Mensch wieder eins macht.
Der Glaube stellt die Intimität des Paradieses wieder her:
wo Gott im Abendhauch spazieren geht unter den Leuten,
wo die Leute nackt und bloß und ohne Scham vor Gott leben können.
Lesen Sie's nach im Johannes-Evangelium -
und Sie werden diese Nähe und Intimität zwischen Gott und seinen Leuten spüren,
die da aufscheint, wo der Glaube greift,
wo Menschen vom Glauben ergriffen sind.
Glaube glaubt nicht etwas, glaubt nicht an etwas:
Glaube ist die neue, alte Beziehung zwischen dir und Gott -
ob du's glaubst oder nicht -
Gott jedenfalls glaubt an dich, ziemlich fest und unerschütterlich -
immerhin hat er sich aufgeopfert für dich!
Aber dann sagen Sie zu Recht, daß das dann doch ein wenig weit über die Kanzelbrüstung gelehnt sei:
Denn soooo nah zu Gott fühlen wir uns meist doch nicht wirklich;
ja, weil wir immer auch noch auf dem Weg zum Glauben sind.
Wir sind immer noch viel zu viel Welt und zu wenig bei Gott.
Wir frönen immer zu sehr dem Kult des Fleisches, statt uns auf Jesus Christus - "mein Fleisch" sagt er in unseren Versen satt "Ich" -
statt uns auf Jesus Christus zu verlassen.
Wir setzen uns immer viel zu wenig von der Welt ab,
sondern sind immer viel zu sehr ihre Kinder.
Und die Welt, das ist im Evangelium das, was aus sich selbst heraus sein will und leben und existieren - und eben nicht aus Gott und aus dem Vertrauen in ihn.
Aber, wie gesagt, ziemlich totalitär und autoritär und absolut ist das mit diesem Glauben -
und das darf es doch in unserer westlichen Welt auf gar keinen Fall sein.
Tolerant, relativ, bescheiden - so hat unser christlicher Glaube daher zu kommen.
Aber wenn uns damit womöglich unser Glaube abhanden kommt?
Wenn es womöglich gar nicht nur um ein bißchen Recht-Haben geht, sondern wirklich um mein Leben,
sozusagen auf Leben und Tod mit diesem Glauben?
Ich kann und will absolut nicht anders, als die Beziehung zu Jesus Christus, als den Glauben an ihn, das fleischgewordene Wort des selbstopferbereiten Gottes für das absolut Wahre nehmen.
Aber ich werde diesen absolut glaubwürdigen Gott nicht absolut setzen.
Das soll und darf er nur allein tun.
Ich dagegen weiß, daß meine Denke, mein Glaube, mein Handeln nie absolut richtig sind und die des anderen falsch.
Nein, ich werde Jesus, meinen Gott, unsere Bibel nie absolut setzen -
aber ich glaube: Das ist das absolut Wichtigste, was diese Welt braucht -
so notwendig wie Brot,
Brot, von dem man leben kann,
lebendiges Brot,
Brot des Lebens.
Brotprämierung war diese Woche hier in Reutlingen.
Manches Brot bekam sogar eine Goldmedaille.
Ich finde, gutes Brot ist das, das auch morgen noch schmeckt:
"Ich bin das Brot des Lebens.
Wer glaubt, der hat das ewige Leben!"
Amen.



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