"Netz"

Predigt auf dem Gemeindefest 15.7.2001

Liebe Gemeinde, machen Sie den "Gruftie-Test": Sollte Ihnen beim Stichwort "Netz" immer noch die Spinne und der doppelte Boden einfallen, dann gehören Sie aus Jugend-Sicht zur älteren Generation, also so die Menschen ab 30 ...
 
Kaum ein Symbol, nur wenige bildhafte Worte haben in unserer Zeit einen solchen Wandel durchgemacht wie das Netz. In der Bibel begegnen uns die Netze der Fischer, die diese immer wieder flicken müssen; oder es kommt das Netz vor, mit dem man Hirsche und Vögel fängt, und in den Psalmen fühlt sich der Beter oft wie in einem Netz gefangen - und das zerrissene Netz wird zur Befreiung!
 
Liebe Gemeinde, kaum ein Symbol, kaum ein Bildwort hat solch eine Bedeutungs-Verschiebung durchgemacht wie das Netz: Heute denkt fast jeder zumindest auch an das Internet, an das World Wide Web oder an das Telefon- und Mobilfunknetz; die Jüngeren vergnügen sich mit Netzwerk-Spielen, manche haben die Sache zu ihrem Beruf gemacht und arbeiten als Netzwerk-Administratoren, Netzwerk-Verwalter; und überall gibt es Vernetzungen zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Gruppierungen und bürgerschaftlichem Engagement.
 
Was da auf der technischen Seite entstanden ist, weil die Militärs entdeckten, daß Computernetzwerke Sicherheit geben gegen Angriffe: die Daten finden immer einen Weg durch ein Netz, anders als bei einfachen Verbindungen zwischen einzelnen Verbindungen - was da von den Militärs erfunden als Internet und dann an Intra-Netzen in den Betrieben gewachsen ist, das hat das Nachdenken über unser Miteinander verändert.
 
Früher war in einer Gesellschaft die entscheidende Beziehung das oben-unten: man ging aufs Amt, auch aufs Pfarr-Amt als Bittsteller, man ging zur Obrigkeit; in den Betrieben gab es den Patriarchen, den väterlichen Chef, und eine strenge Hierarchie von oben nach unten bis hin zu denen, die helle oder blaue Kittel trugen. Wenn wir uns manchmal nach einer guten alten Zeit zurücksehnen, dann sehnen wir uns vielleicht ein bißchen nach solchen eindeutigen Strukturen und Beziehungen, die einen ja oft auch getragen haben und aufgefangen wie in einem Netz.
 
Die Welt hat sich verändert. Eine Lokschuppen-Renovation wird nicht mehr einfach von einer Stadt abgelehnt oder durchgeführt; heute ist gemeinsames Engagement erforderlich; heute müssen sich Menschen und Gruppierungen an einem Ort vernetzen, damit es was wird.
 
Liebe Gemeinde, was hat denn das mit Gott zu tun und mit uns heute Morgen, könnten Sie zu recht fragen. Auch eine Kirchengemeinde, auch das Zusammenleben in einer Gemeinde, das Zusammenleben der einzelnen und der verschiedensten Gruppen und Kreise und Projekte, all das ist heute nur noch als ein Netzwerk zu leben. Christsein heißt, mit Gott durch Jesus Christus vernetzt zu sein; und es heißt immer zugleich am Netz einer Gemeinde mitzuweben.
 
Herr Mauser betont das im aktuellen Gemeindebrief zu recht: Gab es früher kaum Gruppen und Kreise in einer Gemeinde, war früher der Sonntags-Gottesdienst selbstverständlicher Mittelpunkt einer Gemeinde, so ist das bei uns heute anders - ob wir das gut finden oder nicht: Patchworkrunde und Chöre, Gesprächskreis und Jungschargruppe, Frauenstunde und Jugendmitarbeiterkreis, Miniclubs und Seniorenkreise - es ist nicht mehr selbstverständlich, daß man sich gegenseitig wahrnimmt und daß man ein gemeinsames Ziel und eine Mitte hat.
 
Daß man miteinander Gottesdienst feiert als Zeichen, woraus wir leben, daß man miteinander ein Gemeindefest feiert, an dem man sich trifft - die, die immer dabei sind und manche, die nur abundzu Kirchenluft schnuppern möchten - solche Feste und die Begegnungen haben eine entscheidende Bedeutung für uns als Gemeinde. Hier knüpft sich das Netz ein bißchen stabiler. Mit dem Sie heute Morgen gebetet und gesungen haben, dem begegnen Sie auf der Straße ein bißchen anders.
 
Liebe Gemeinde! In der Bibel lesen wir von den Jüngern, die zu Menschenfischern berufen werden. (Mt 4,18-20)
 
"Als nun Jesus am Galiläischen Meer entlangging, sah er zwei Brüder, Simon, der Petrus genannt wird, und Andreas, seinen Bruder; die warfen ihre Netze ins Meer; denn sie waren Fischer. Und er sprach zu ihnen: Folgt mir nach; ich will euch zu Menschenfischern machen! Sogleich verließen sie ihre Netze und folgten ihm nach."
 
Für uns mag heute das Wort Menschenfischer unsympathisch klingen: Menschen mit unlauteren Methoden und Drängelei ins eigene Netz fangen. Lassen Sie es mich heute Morgen anders lesen. Für mich bedeutet diese Geschichte von den Fischern, die Menschenfischer werden sollen: Kümmert euch nicht zuerst um irgendwelche Netze, die zwar Geld bringen, die man zwar anpacken kann und etwas damit anfangen und einfangen - sondern kümmert euch um das Netz, das die Menschen im Glauben bilden sollen: ein lebendiges Netz, das die Lebensqualität fördert, weil es den Glauben stärkt und zur Tat werden läßt, ein Netz, das Menschen, die es gerade schwer mit sich oder den Umständen haben, eingebunden sein läßt, ein Netz, das trägt und verbindet. Gott will in solchen Netzen sich ausleben. Er will unter uns leben, will einer der Fäden sein, die dem ganzen Netzwerk seine Stabilität gibt und seine Struktur und Festigkeit.
 
Moderne Netzwerke leben ja aus dem Datenfluß, sie bestehen aus diesem Hin-und-Her von Daten, von Informationen. Das Netzwerk einer Gemeinde lebt aus dem Datenfluß zwischen Gott und uns im Gebet und im Hören auf seine Stimme. Seine Stimme sagt uns, daß wir aufeinenander acht haben sollen, daß wir einander als einzelne, aber auch in den so verschiedenen Gruppen, Kreisen, Projekten achten sollen, daß wir ihn, Gott, achten sollen als den, der unser Netz durchwirkt.
 
Liebe Gemeinde, jeder Christ hat an diesem Netz zu knüpfen, das gehört zum Christsein dazu, weil Glaube, Christsein, das Evangelium nie für sich allein zu haben sind, sondern immer nur aus der Hand und dem Mund anderer Menschen, und immer nur, indem wir es in Gemeinschaft leben.
 
Besonders gilt das aber für die Kirchengemeinderätinnen und -räte. Am 11.11. wird unser Gremium neu gewählt, bis Anfang Oktober gilt es für uns alle zu den drei, die wieder kandidieren werden, wenigstens sechs, besser noch mehr Kandidatinnen und Kandidaten anzusprechen und zu finden. Manches Gespräch wurde schon geführt, manche sind am Überlegen: soll ich, soll ich nicht ... Wir bitten Sie heute morgen: Überlegen Sie sich, ob Sie nicht solch einen Dienst übernehmen können: am Netzwerk Gemeinde mitzuarbeiten, mitzugestalten, mitzuwirken. Und am besten ist es, wenn ganz unterschiedliche Menschen das tun: die verschiedenen Alters- und Berufsgruppen, aus den verschiedenen gesellschaftlichen und kirchlichen Gruppierungen; unsere Gemeinde lebt aus ihrer Vielfalt - sie braucht es aber je länger desto mehr, daß wir auch das Netz, das uns verbindet, stärken und enger weben.
 
Unsere Welt driftet an so vielen Stellen immer weiter auseinander; man baut sich ein Netzwerk von Freunden und Bekannten auf - und will zugleich mit vielen anderen nichts zu tun haben. Als Christinnen, als Christen können wir es uns nicht raussuchen, ob wir zueinander gehören - das ist einfach so, weil Gott selbst ein Netz zwischen uns wirkt. Aber wir haben die Chance und Aufgabe im Glauben an diesem Netz mitzuwirken, Gott zur Hand zu gehen.
 
Liebe Gemeinde, der Apostel Paulus, von dem das Anspiel der Kinderkirch-Mitarbeiter erzählte und mit dem unsere Kinderkirch-Kinder gerade unterwegs sind, Paulus hat Gemeinden gegründet und er hat sie wieder verlassen, um weiter zu ziehen - er hat das getan, weil er sah, nun nicht mehr gebraucht zu werden: das Netz der Gemeindeglieder war tragfähig geworden und Gott selbst hielt die Fäden in der Hand. Wir wollen davon etwas spüren in unserer Gemeinde! Und wir können unser Netz weiter-knüpfen an diesem Tag! Gott segne uns dafür! Amen.