"Auf gute Nachbarschaft!"

Predigt im "Nachbarschafts-Gottesdienst im Grünen" der evangelischen Gemeinden Bronnweiler, Gönningen und Ohmenhausen in Bronnweiler/Friedenslinde am 24.6.2001 um 10.00 Uhr

Liebe Bronnweilerinnen und Bronnweiler,
liebe Gönningerinnen und Gönninger,
liebe Ohmenhauserinnen und Ohmenhauser ...
das klingt ja schlimm, wenn man das so sagt -
nein, dann bleibe ich doch auch heute morgen einfach beim klassischen, schlichen: Liebe Gemeinde!
So gehört sich das in einem Gottesdienst: Liebe Gemeinde!
Und damit ist dann auch schon das meiste auch im Blick auf unsere Nachbarschaft gesagt: "Liebe Gemeinde!"
Wenn wir uns diese Anrede miteinander wirklich gefallen lassen heute morgen: wir hier aus Bronnweiler, Gönningen und Ohmenhausen und unsere Gäste, dann sind wir auf dem besten Weg zu guter Nachbarschaft, dann sind wir doch schon Nachbarn im Glauben an Jesus Christus. Im Glauben an Jesus Christus gehören wir längst zusammen, sind wir miteinander verbunden, haben wir Teil am Ergehen: an den Niederlagen und Erfolgen der anderen, an den Höhen und Tiefen; es ist wie auch sonst in Sachen Nachbarschaft: man hat seine Nachbarn, ob man will oder nicht. Und dann ist es wie beim Beton: Entscheidend ist, was man draus macht.
 
Liebe Gemeinde, hier an der Friedenslinde wollen wir uns heute Morgen dieser Frage nicht entziehen - auch wenn wir vielleicht noch nicht viele Antworten parat haben mögen -, wir wollen uns dieser Frage nicht entziehen, die wir ja als Gemeinden nun schon seit Jahren bewegen:
Was macht Ihr draus?
Was macht Ihr draus, daß Ihr Nachbar-Gemeinden seid?
Was macht Ihr in Euren Gemeinden daraus, daß Ihr im Glauben zusammengehört?
Wie macht Ihr das, daß die Nachbarschaft in Eurem Haus und in Eurer Straße funktioniert?
Nachbarschaft, die Gemeinschaft im Glauben - Beziehungen, in die ich durch äußere Umstände gestellt bin: meinen Wohnort, meinen Glauben; aber die wollen gestaltet werden durch mich, durch uns. Liebe Gemeinde, mir geht's in Sachen Nachbarschaft wie Euch, die Ihr Euch die drei kurzen Szenen einer Nachbarschaft habt einfallen lassen: mir fällt bei diesem Wort Nachbarschaft natürlich auch das ein, was Ihr uns da vor Augen geführt habt: daß man nebeneinander her lebt - wenn man sich nicht sogar das Leben schwer macht, Rasenmäher scheinen da ein probates Mittel zu sein ...
daß man sich nur schwer traut, den anderen um etwas zu bitten - vielleicht weil man sich nicht selbst zu sehr festlegen will, sich nicht zu nahe kommen will;
daß das gepflegte Gartenzäunle wichtiger ist als freier Auslauf für die Kinder - aber man kann die Zäune ja glücklicherweise übersteigen und manchmal sind uns gerade die Kinder und Jugendlichen da glücklicherweise einen Schritt voraus; in Gönningen habe ich einen kurzen Straßenzug vor Augen, da haben sie die Zäune sogar weg gemacht.
Nachbarschaft ist und bleibt eine zweischneidige Sache. Umso wichtiger ist es, daß man diese Sache vernünftig und mit Augenmaß angeht. Jeder Mensch und jede Gemeinde freut sich über ihre Eigenständigkeit, über Gestaltungsmöglichkeiten, ohne daß ich dauernd alles absprechen muß; aber das kann immer nur die eine Seite sein - Nachbarschaft lebt davon, daß man einander näher kommt, daß man auch mal das offene Wort wagt, daß man ein wohlwollendes Auge aufeinander ha. Aber eben alles überlegt und mit ein bißchen Augenmaß. Mich hat in den Tagen vor diesem Gottesdienst die alte Geschichte aus dem ersten Buch der Bibel begleitet von Lot und Abraham.
"Abram aber war sehr reich an Vieh, Silber und Gold. ... Lot aber, der mit Abram zog, hatte auch Schafe und Rinder und Zelte. Und das Land konnte es nicht ertragen, daß sie beieinander wohnten; denn ihre Habe war groß, und sie konnten nicht beieinander wohnen. Da sprach Abram zu Lot: Laß doch nicht Zank sein zwischen mir und dir ...; denn wir sind Brüder. Steht dir nicht alles Land offen? ... Willst du zur Linken, so will ich zur Rechten, oder willst du zur Rechten, so will ich zur Linken."
Liebe Gemeinde! Ich gebe zu: Vielleicht nicht die naheliegendste Geschichte, wenn man darum werben will, daß man auch als Kirchengemeinden näher zusammen rückt. Aber mir ist das eine wertvolle Geschichte, weil sie mir Mut macht, die Sache vernünftig und mit Augenmaß anzugehen. Nachbarschaft lebt davon, daß ich das richtig hinbekomme: sich nahe zu sein, sich einander zu nähern, und: für sich sein, zu wissen, wo die Grundstücksgrenze ist und wie man die Wohnungstür von innen schließt. Wer das hinkriegt lebt gut! Ich bitte Gott um Sensibilität für uns alle, für die verschiedenen Nachbarschaften, in denen wir leben, daß uns das gelingt: daß wir die Butter ausleihen, aber uns nicht ausnutzen zu lassen;
daß wir die andere Gruppe in unserer Gemeinde wahrnehmen, aber nicht meinen, wir müßten wie sie und sie wie wir werden;
daß wir die andere Gemeinde wahrnehmen: und daß wir uns daran freuen, wie viel "Vieh, Silber und Gold" da ist - sich zu freuen, weil man die eigenen "Schafe, Rinder und Zelte" nicht gering achtet.
Über Nachbarschaftsrecht können Juristen endlos diskutieren und viele dicke Bücher schreiben; und in vielen Fällen entzündet sich der Streit gerade da, wo etwas wächst, vielleicht ein bißchen zu wild wächst, vielleicht ein bißchen zu viel wächst, und da fällt dann womöglich Schatten und Obst und Laub auf das andere Grundstück - dort, wo etwas wächst, kann es zu Konflikten kommen, da greift das Nachbarschaftsrecht. Möge uns das erspart bleiben zwischen unseren Gemeinde: daß wir - unausgesprochen natürlich - Probleme haben mit dem, was drüben wächst, jenseits der Markungs-Grenze. Wie gut das doch tut, wenn ich mich an dem freuen kann, was mein Nachbar hat und was ihm gelingt - wie gut das tut, wenn ich mich davon verabschiedet habe, das ich es auch haben müßte und es auch machen müßte wie er. Wie reich einen das macht, wenn man neidlos anerkennen kann! Wie reich einen der Reichtum an Glück, an guten Erfahrungen, an Erfolgen des anderen machen kann!
Die vielen Ohmenhauser Posaunen!
Die schönen Bronnweiler Familien-Gottesdienste!
Der neue Jugendkreis und die motivierten Konfirmandinnen und Konfirmanden in Gönningen!
 
Liebe Gemeinde, wir haben bei uns in der Torstraße das Glück, nette Nachbarn zu haben, gut miteinander auszukommen und unsere Grenzen zu achten. Und bei vielen Nachbarn in unserem Dorf kommt dazu, daß uns auch der Glaube verbindet, daß wir derselben Kirche angehören, daß sie Christinnen, Christen sind wie ich. Und dann denke ich über die Gemeinde-Grenze hinaus an die, mit denen wir räumlich und in unserer evangelischen Landeskirche verbunden sind: Bronnweiler und Gönningen und Ohmenhausen. Gemeinden in der Nachbarschaft, die das Nachbar-Sein lernen:
damit wir einander helfen - die Butter nicht vom Brot nehmen, sondern einander leihen und unterstützen;
damit wir besser für die Menschen an unseren Orten da sein können;
damit wir gemeinsam unseren Gott feiern, der die Grenzen überschritten hat und Menschen miteinander verbindet.
Liebe Bronnweilerinnen und Bronnweiler,
liebe Gönningerinnen und Gönninger,
liebe Ohmenhauserinnen und Ohmenhauser -
liebe Gemeinde!
Es ist kein neuer Gedanke, die Sache mit den Gemeinde-Nachbarschaften; aus dem letzten Buch der Bibel:
"Johannes an die sieben Gemeinden in der Provinz Asien: Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt, von Jesus Christus, welcher ist der treue Zeuge, der Erstgeborene von den Toten und Herr über die Könige auf Erden! Ihm, der uns liebt und uns erlöst hat von unsern Sünden mit seinem Blut und uns zu Königen und Priestern gemacht hat vor Gott, seinem Vater, ihm sei Ehre und Gewalt von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen."