Gottesdienst
in Gönningen
am 7.12.97
um 9.30 Uhr
"Jochen Klepper"

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  1. Glocken
  2. Vorspiel
  3. Votum - einfaches Amen (AMBO)

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus
und die Liebe Gottes
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
sei mit euch allen!
  1. gesungenes Amen.
  2. Begrüßung

Vor genau 60 Jahren dichtet Jochen Klepper seine berühmten Weihnachtslieder:
_ 1961 - Jerusalem;
danach befragt, ob er sich an den "Fall Klepper" erinnere,
antwortet der ehemalige Leiter des Judenreferats im Reichsicherheitshauptamt Adolf Eichmann
- wie zu erwarten -:
Nein, ich erinnere mich nicht.
 
Mittlerweile kann ich es Ihnen etwas präziser weitergeben:
Dr. Servatius: I shall return to the question in conjunction with the report of the statistician Korherr. But first I would like to turn to exhibit T/1135, document No. 186. This concerns the Accused's taking part in the possible grant of an exit permit. This is a published extract from the diary of Jochen Klepper, the poet. Jochen Klepper had a Jewish wife, and as a result of persecution he committed suicide on 10 December 1942. The entries in the diary show that Eichmann spoke to the poet, Klepper, on the day before the latter's death, that is on 9 December 1942, after a preliminary consultation. At the end he said to him that he thought that things would work out. This is in column 3 of the report. Witness, do you remember this meeting?
Accused: I do. I have some recollection of the meeting. I myself was unable to take any initiative. I will have given him an intermediate reply. The words I use show this. I could take no initiative in this matter because there was a general ban by Himmler, and only my superiors could relax or annul the ban in individual cases. The document also shows that the driving force in this case was the man's fear that as compulsory divorce was concerned, separation might be possible. What is interesting is that his own State Secretary insisted on compulsory divorce at the Wannsee Conference with great intensity.
Dr. Servatius: I should like to add that according to this text, Frick said that the main thing is compulsory divorce, so that after the divorce the Jewish party would immediately be deported. This was the consequence of the legal measure.
Presiding Judge: I should like to ask the Accused if he actually remembers submitting this case to Mueller.
Accused: I cannot remember this actual case and submitting it to Mueller, since after all these years I cannot reconstruct my actions. But given the fact that Reich Minister Frick was involved in this case, it is totally unthinkable for me to have dealt with such a case on my own initiative.
The Trial of Adolf Eichmann - Session 80 (Part 3 of 6)


_ 20. Januar 1942 - Berliner Westend, in einer Villa, Am Großen Wannsee 56-58;
auf der Wannseekonferenz trefen sich Spitzenvertreter der obersten Reichs- und Parteidienststellen,
um grundsätzliche Fragen der sogenannten Endlösung der Judenfrage zu klären und die Zusammenarbeit abzustimmen.
Vorgesehen war von nun an die Deportation der jüdischen Bevölkerung in den Osten anstelle der bislang praktizierten Auswanderung.
_ Am selben Tage - im Riesengebirge;
Jochen Klepper mit seiner jüdischen Ehefrau Hanni in Winterurlaub.
Die beiden fanden Unterkunft, weil sie verheimlichen kann, Jüdin zu sein.
Tagebucheintrag Kleppers:
"Wie soll dieser Krieg mit seiner besonderen Last für Hanni, Renate [deren Tochter aus erster Ehe] und mich überstanden werden -!
Immer wieder, auf den stillsten und schönsten Spaziergängen, schüttelt es einen,
was alles geschehen ist, noch geschieht, noch geschehen kann.
Und doch - trotz alles Versagens und Versiegens in einem - dieser unfaßliche Friede mit Gott."
_ elf Monate später - 10. Dezember 1942, nachmittags - Berlin, Prinz-Albrecht-Straße;
Nachdem eine Einreisegenehmigung seitens der schwedischen Behörden vorliegt, untersagt Adolf Eichmann die Ausreise Renates.
_ am späten Abend des 10. Dezember 1942 - etwa 2 km Luftlinie östlich von erwähnter Villa am Wannsee gelegen, Berlin-Nikolassee, Teutonenweg 23;
die Deportation seiner Frau und deren Tochter in den Osten vor Augen, womöglich in die Vernichtungskammern,
öffnen Kleppers den Gashahn des Küchenherdes.
Die Haushälterin findet die drei Toten am Morgen,
an der Küchentür ein Schild "Vorsicht Gas!".
Eine Adressenliste für die Todesanzeigen war schon zuvor - für den Fall der Fälle - der Schwester übergeben worden.
Einer der Leichenträger bemerkt:
"Das sind nicht die ersten.
Wir haben heute schon ein junges Mädchen in Wannsee abgeholt."
Wer war dieser Mann,
den die Ehe mit einer "Fremden", einer Jüdin,
in den Tod trieb -
oder nein, richtiger:
den die auf dem Gewissen haben,
die andere zu Fremden machen,
um Sündenböcke zu finden?
Zu einer kleinen Spurensuche lade ich Sie in diesem Gottesdienst ein.
Vor genau 60 Jahren dichtete Klepper die Advents- und Weihnachtslieder, die wir in diesem Gottesdienst miteinander singen.
Zuerst: "Sieh nicht an, was du selber bist", Lied 539.
Wir singen die 4. und 5. Strophe mit der Orgel
und hören zuerst den Chor.
  1. Eingangslied EG 539 "Sieh nicht an"
  2. 1+2:Chor
  3. 3:gelesen/Behrend[wegen Tonartwechsel]
  4. 4+5:Gemeinde/Orgel
  5. Psalm 31 = EG 716
  6. Hinführung

Der 31. Psalm erinnert an den verschlungenen Lebensweg,
den Klepper zu gehen hatte -
zwischen Netzen der Jäger und dem weiten Raum,
den Gott einem Menschen gibt.
  1. Psalmgebet
  2. "Ehr sei dem Vater"
  3. Gebet/Stilles Gebet

Guter Gott,
über die Zeiten hinweg sind wir durch deine Kirche verbunden,
mit Menschen, die vor uns waren,
die ihr Leben unter anderen Bedingungen zu gestalten hatten -
und die uns darin Herausforderung sein können
und zu Zeugen deiner Nähe werden können.
Wir gedenken heute Jochen Kleppers -
und möchten in seinen Worten dich vernehmen.
Amen.
  1. Biografisches

Tagebuch 30.11.42:
"Von Kindheit an haben Trauerhäuser für mich etwas seltsam Anziehendes gehabt,
so wunderlich das klingt;
aber das ist es:
die Stille und die Milde,
die dann über manchen Häusern liegt wie im Leben sonst nie;
die Tatsache, daß mitten heraus aus ihnen einer nun dieses Leben überwunden hat und in das ewige Haus ging.
Hanni und ich werden gegenüber den Toten, die dieses unser Leben abstreifen dürfen,
das Gefühl eines heimlichen Neides nicht mehr los."
Der Tod als Heimstatt, das Trauerhaus als Durchgang zum "ewigen Hause".
Der Tod Jochen Kleppers - und seiner Frau und deren Tochter -,
der sich am 10. Dezember 1942 zutrug,
war kein Zufall,
doch auch kein Abschluß,
keine, wie wir manchmal sagen, natürliche Angelegenheit.
Sorgfältig geplant und lange vorbereitet
war er Folge eines sich enger und enger schließenden Netzes,
das das braune Regime über die Deutschen jüdischen Glaubens ausgeworfen hatte.
Er war freilich auch Folge einer unterschwelligen Todessehnsucht, die Klepper Zeit seines Lebens begleitete und oft genug bedrückte.
In diesem Selbstmord gipfelt ein Leben,
das sich als christliches verstand;
das gerade deshalb in manchem dann doch merkwürdig sperrig wirkt
und schwer einzuordnen.
Kein Held, der sein Schicksal in die Hand nimmt,
und sich da, wo menschliche Kraft versiegt, mutig in Gottes Hand schickt;
Klepper ist kein Held.
Aber vielleicht macht ihn gerade das so attraktiv im Kontrast zu einer Zeit,
die zuviele "Helden" hatte.
die großen Stichworte: Vater - Haus -Ehe
Auf der Suche nach den großen Stichworten in Kleppers Leben stößt man recht bald auf die Bedeutung des Vaters und des Hauses.
Beides Sinnbilder, die vielerlei Füllungen zulassen.
Unser Vater im Himmel,
der sich ohne den irdischen Vater nicht denken läßt.
Der Vater auch als Inbegriff der Ordnung.
Das Haus -
Raum des Beschütztseins und der Geborgenheit,
manchmal Idyll,
gefährdetes Idyll bis es aufgehoben wird in einer ewigen Heimat;
das Haus,
Raum der Gestaltungsfreiheit und der Entfaltung von Lebensstil.
Das Haus, der Vater -
Leitbegriffe für Kleppers Leben und Sterben.
Ein drittes Thema ist dem zur Seite zu stellen:
seine Ehe,
die ihn vor dem Untergang bewahrte - wie er einmal, die Katastrophe bereits vor Augen, sagte.
Die Verbindung mit seiner jüdischen Frau bestimmte entscheidend das letzte Drittel seines Lebens,
bestimmte den Ausgang dieses Lebens,
das an diesem Punkte nie wankelmütig geworden zu sein scheint:
An der Ehe mit Hanni konnten keine antisemitischen Aktionen rütteln,
an ihr hielt er fest,
selbst der Zwangsscheidung wirkten sie mit dem einzig ihnen noch zur Verfügung stehenden Mittel entgegen.
Der Vater, das Haus, diese Ehe.
frühe Prägungen (1903-1928)
22.März 1903:
Jochen Klepper kommt in Beuthen an der Oder, etwa 100 Kilometer nordwestlich von Breslau gelegen, zur Welt.
Nach den beiden Töchtern ist er der erste Sohn in der Pfarrfamilie Klepper;
zwei weitere Söhne werden folgen.
Zeit seines Lebens wird Klepper mit seiner schlesischen Heimatstadt innerlich verbunden bleiben.
Vielleicht trägt dieser Hintergrund entscheidend dazu bei,
daß er sich nie von Deutschland wird lösen können -
eine Emigration wird für ihn nie in Betracht kommen:
Auf Gedeih und Verderb sieht er sich dem Volk verbunden,
in dessen Sprache er dichtet.
Der Vater:
deutsch-national, lebensfreudig, gutem Essen, der Jagd und der Marschmusik zugetan;
übermächtig und später den Widerspruch des Sohnes herausfordernd;
als Theologe von herrnhutischer Innerlichkeit und Liberalismus geprägt.
"Vater und ich sind uns ja eine der schwersten Prüfungen gewesen, die Gott uns auferlegt hat",
wird er 1934 in seinem Tagebuch vermerken.
Die Mutter:
Erst kurz vor der Hochzeit aus der katholischen Kirche konvertiert bildet sie eher das Gegenbild dessen,
was man sich gemeinhin unter einer Pfarrfrau des ausgehenden Kaiserreiches vorstellt.
Französischer Abstammung, Make-up, modisch, schwarzes Haar und große blaue Augen;
ihre künstlerische Veranlagung,
ihre Liebe fürs Theater
und ihr sensibles Wesen
finden wir bei ihrem Sohn wieder.
Dieser freilich entwickelt sich mehr und mehr zum Sorgenkind.
Asthmaanfälle und eine langwierige Drüsenerkrankung enthalten ihm Erfahrungen anderer Schulkinder vor -
lange Zeit bekommt er von seinem Vater Privatunterricht
und von seiner Mutter viel Zuwendung.
1922 besteht er sein Abitur und immatrikuliert sich im selben Jahr an der Erlanger Universität - welch Überraschung ... - für Theologie.
Die Entdeckung Luthers,
daß Gott den Sünder gerecht macht allein aus Gnade im Glauben,
sollte Klepper genauso tief prägen
wie er seine konservative Grundhaltung gestützt sah durch lutherisches Ordnungsdenken:
Staat, Kirche, Ehe sind nicht zuerst geschichtlichen Größen,
sondern Setzungen Gottes, in die sich der einzelne zu schicken habe.
Die Unentschiedenheit über den eigenen Lebensweg,
der schlechte Gesundheitszustand,
Schuldkomplexe
stürzen den Studenten in eine tiefe Krise.
Er beginnt von einer künstlerischen Existenz und von Berlin zu träumen,
kehrt nach Beuthen zurück,
steckt seine Lizenziatenarbeit auf,
bricht schließlich das Studium vollends ab,
wir hören von Selbstmordgedanken.
bis 1940 (Wehrdienst)
1929 begegnen wir Jochen Klepper auf Zimmersuche.
Seit 1927 hat er eine Stellung beim Evangelischen Pressverband in Breslau.
Dort gehört er zu einem der Pioniere evangelischer Rundfunkarbeit.
Daneben ist er Mitarbeiter des Eckart-Verlags.
Der 26jährige wird bei seiner Suche fündig und bezieht ein Zimmer zur Untermiete bei Hanni Stein, Witwe eines Rechtsanwalts.
Bei ihr leben ihre beiden Töchter Brigitte und Renate.
Die gepflegte Wohnung der wohlhabenden Frau,
ihr attraktives Äußeres
und vielleicht auch ihre Erfahrung
- Hanni Stein ist 13 Jahre älter als Klepper -
münden in ein Verhältnis und 1931 in die Ehe.
Spätestens das bringt den Bruch mit der Familie.
Die Ehe mit Hanni bleibt für Jochen Klepper ohne eigene Kinder,
ein Umstand, der ihn immer schmerzte.
Um Festigung seiner beruflichen Position bedacht beschließt Jochen Klepper 1931 den Umzug nach Berlin.
Er tritt eine Stelle beim Berliner Sender an und läßt die Familie in die Wohnung im grünen Südende nachkommen.
In dieser bewegten Zeit setzt auch Kleppers Tagebuch ein;
eine seiner großen literarischen Hinterlassenschaften,
1956 postum in Auszügen veröffentlicht.
30. Januar 1933 - Hitler wird Reichskanzler - die Maschinerie gegen Juden ünd sogenannte "jüdisch Versippte" rollt an.
Klepper ist keine Kämpfernatur,
er zieht sich zurück,
innere Emigration und Flucht ins Haus, ins Private.
Die Entlassung aus dem Rundfunk folgt wie befürchtet.
Eine tiefe Lebenskrise lähmt und zermürbt ihn.
"Aber dabei bleibt es nun einmal:
Wenn ein unpolitischer Mensch in ein politisches Zeitalter gerät,
ist es fast, als ob er unter die Räder kommt."
Und wieder Selbstmordgedanken:
"Aber ich glaube, daß der Selbstmord unter die Vergebung fällt wie alle andere Sünde."
In dieser Umbruchzeit wird ihm die Bibel zum Halt.
Seit Februar, März vereinzelt, dann ab Mai 1933 regelmäßiger stellt er seinen Tagebucheintragungen Bibelworte voran.
Gott wird für ihn je länger desto gewißer zum dem,
der die Geschichte wirklich in Händen hat.
Das heißt für Klepper allerdings auch:
Opposition ist unmöglich;
die - wie er es nennt - "aktivistische" Bekennende Kirche wird im so stets fremd bleiben.
Die Frage nach Gott,
das Haltsuchen an ihm wird stärker und drängender.
Von der journalistischen Arbeit führt ihn sein Weg nun zur Schriftstellerei.
Die Arbeit an seinem Werk "Der Vater" beginnt,
ein Roman über den Preußenkönig Friedrich Wilhelm I.
Er wird hier seine Gegenwelt zur NS-Diktatur entwerfen:
der König unter Gott,
ihm unterstellt,
in seinem Namen dem Volke dienend.
Der Monarch steht ein für die gottgewollte Ordnung.
Doch vor der Möglichkeit der Veröffentlichung muß die Aufnahme in die Reichsschrifttumskammer beantragt werden;
erstaunlicherweise gelingt dies.
Den Weg, den der Roman nimmt,
beleuchtet die paradoxe Situation, in der Klepper lebt.
Bei seinem Erscheinen 1937 wird er zum Verkaufserfolg,
das Reichskriegsministerium empfiehlt ihn zur Lektüre im Heer,
Hitler verschenkt das Buch.
Doch im selben Jahr der Ausschluß aus der Schrifttumskammer.
Die Auswirkungen der Nürnberger Rassengesetze von 1935 werden mehr und mehr spürbar.
In der selben Zeit nun beginnt Klepper sich mit dem Kirchenjahr und mit geistlicher Dichtung zu beschäftigen.
Sein Gedichtband "Kyrie", der erscheint im September 38 erstmals und komplett dann 1940.
Den Tages-, den Kirchenjahres- und den Lebenslauf umdichtend bildet dieses Bändchen ein beeindruckendes Ganzes.
Barocker und reformatorischer Dichtung verpflichtet sprechen seine Lieder von einem intimen Verhältnis zwischen Gott und Mensch,
daß aber den unendlichen Graben zwischen beiden nicht überspringt,
sondern überbrückt sieht im Sühnetod Jesu.
Die altertümliche Sprache lädt ein zur Geborgenheit in Gott;
eine Einladung, die von einem kommt, der am Abgrund dichtete.
"In großer Bibelnähe", das ist das Kennzeichen von Kleppers Liedern,
die ein biblisches Motto aufnehmen
und in großer Nähe zum Wortlaut der Lutherbibel durch Kombination verschiedener Stellen um-dichten.
In dieser Phase höchster Schaffenskraft neigt sich zugleich das Leben der Familie Klepper dem Ende entgegen.
Zwar hat man auch 1939 nochmals die Möglichkeit, ein Haus zu bauen;
zwar sind im selben Jahr die Ausreisebemühungen für Brigitte erfolgreich;
zwar kann man Taufe von Hanni und die kirchliche Trauung feiern -
immer schwieriger werden aber durch den nationalsozialistischen Rassenwahn die Lebens- und Arbeitsbedingungen.
Besonders für die Tochter Reni, an der Jochen Klepper mehr und mehr hängt, wird es immer schwerer:
Sie ist zwangsverpflichtet in der Rüstungsindustrie,
eine Einreise wird ihr von den Schweizer Behörden verweigert.
und '42
Im Dezember 1940 wird Jochen Klepper zum Militärdienst eingezogen.
Noch nicht einmal ein Jahr später wird der Verfasser des Romans "Der Vater" als wehrunwürdig - wegen seiner Ehe - entlassen.
Der Entschluß der Eheleute verhärtet sich:
Einer Trennung würden sie auf diesem Wege entgehen.
Die Fähigkeit zur literarischen Tätigkeit versiegt;
Kirchenlieder entstehen keine mehr.
Die Deportationsgerüchte vermehren sich.
Dezember '42 -
Weihnachtsvorbereitungen und Testamentsergänzungen gehen nebeneinander her.
Eine Einreisegenehmigung für Reni wird von Stockholm erteilt;
Innenmisnister Frick will ihr zur Emigration verhelfen.
Entscheidend sei jedoch die Befürwortung durch den Reichsicherheitsdienst.
Für den Fall einer Ablehnung des Gesuchs will Reni mit den Eltern sterben.
10. Dezember, 15 Uhr, Termin bei Eichmann.
  1. Lied EG 16 "Die Nacht ist vorgedrungen"
  2. 1:Chor
  3. 2:Gemeinde/Orgel
  4. 3:Chor
  5. 4:Gemeinde/Orgel
  6. 5:Chor
  7. Lied-Predigt über EG 16

"Sonnabend, 18. Dezember 1937
Erst um Mittag begann die fahle Wintersonne zu leuchten.
Der Untergang war feierlich und groß.
In der Dämmerung standen dann die Laternen wie stille Fackeln am Saume der Gärten.
Die klaren schwarzen Äste über der Decke des Schnees sind so friedevoll;
ein Bild der tiefen Ruhe die verschneite Gartenbank.
Ich schrieb am Nachmittag ein zweites Weihnachtslied: "Die Nacht ist vorgedrungen ..."
Das schöne Adventsgeläut."
Welche Kontraste im Berlin des Jahres 1937!
In der Innenstadt scheint eine wahre vorweihnachtliche Einkaufswut zu herrschen.
Potsdamer Platz und Kurfürstendamm brechen unter dem Verkehr fast zusammen.
Aus den Lautsprechern Schlagermusik.
Kinowerbung für den "Tiger von Eschnapur",
Hans Albers- und Heinz Rühmann-Filme.
"700 Jahre Berlin" werden gefeiert.
Für Klepper ein zwiespältiges Jahr.
Nach Erfolgen mit einem Roman über den Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. geht das Buch zur Weihnachtszeit nur schlecht.
Die Reichsschrifftumskammer hatte ihn ausgeschlossen:
Publizieren war nicht mehr möglich.
Immerhin:
Eine Sondergenehmigung wird erwirkt -
Frucht des erwähnten Buches mit dem Titel "Der Vater. Roman eines Königs".
Doch jedes Manuskript muß einzeln vorgelegt und abgesegnet werden.
1937: Deutschland war stolz darauf, 30.000 Jüdinnen und Juden aus dem Kulturleben ausgeschieden zu haben.
In Kleppers Familie konnten Gräben überwunden werden
- sie hatte wegen seiner Ehe mit Hanni Stein mit ihm gebrochen -.
Jetzt, nach dem Tod des Vaters, näherte man sich einander wieder an.
Ein zwiespältiges Jahr, dieses 1937,
in dem - vielleicht gerade deswegen -
so viele Kirchenlieder Kleppers entstanden,
darunter auch die drei Weihnachtslieder, die uns heute morgen begleiten.
Zwiespältig dieses Jahr wie die Eindrücke in einer Großstadt.
Vom Potsdamer Platz ins Westend, wo die Kleppers wohnen:
Das adventlich geschmückte Haus,
die schneegedämpfte Ruhe der Dämmerung,
von der wir im Tagebucheintrag hören -
die Idylle wird Klepper zum Sinnbild;
zum Hinweis auf eine tiefere Geborgenheit,
das Aufgehobensein bei Gott.
Freilich:
wie die Verse des Römerbriefs, die er hier umdichtet,
- Die Nacht ist vorgedrungen,
der Tag ist nicht mehr fern. -
weiß auch er um die Gefahr der Nacht -
einer Nacht, die das Leben verschlingt,
die viel, zu viel Zeit zum Grübeln und Weinen läßt.
"Die Nacht ist vorgerückt,
der Tag aber [der Wiederkunft Christi] nahe herbeigekommen.
So laßt uns ablegen die Werke der Finsternis
und anlegen die Waffen des Lichts."
"Zieht an den Herrn Jesus Christus",
wird Paulus fortfahren.
Erkenne in ihm den Morgenstern,
- den Stern aus dem letzten Kapitel der Bibel (Offb. 22,16) -
der bereits in die Nacht hinein leuchtet,
der deine Angst und Pein bescheinet,
nicht im Dunkel der Gottvergessenheit läßt,
sondern in sein Licht stellt!
So überraschend wie die Melodieführung des Liedes ist das;
mit den beiden Anfangstönen zieht uns die Melodie Johannes Petzolds in das Geschehen herein.
Denn das ist schon das schlechthin Überraschende,
was hier besungen wird:
"Dem alle Engel dienen
wird nun ein Kind und Knecht."
Die klare Struktur zweier Kreuzreimpaare.
So einfach und eindeutig wie die Aussage:
Rettung im Glauben an dieses Kind.
Da gibt es keine distanzierte Betrachtung mehr;
Damals und Heute verschmelzen in dem Ruf:
"Die Nacht ist schon im Schwinden,
macht euch zum Stalle auf!"
Vom Felde in den Stall,
die Gemeinschaft der Glaubenden in Bewegung,
Macht euch auf:
"Ihr sollt das Heil dort finden,
das aller Zeiten Lauf
von Anfang an verkündet,
seid eure Schuld geschah.
Nun hat sich euch verbündet,
den Gott selbst ausersah!"
Aus dem Sprachschatz der Bibel schöpfend,
- hier nun die Anfangsverse des Hebräerbriefs -
biblische Aussagen neu variierend und kombinierend,
entspricht er auf dichterischer Weise der Erkenntnis Luthers, daß die Schrift sich selbst auslege.
Von daher gewinnt seine Sprache ihre Kraft.
Von hierher bekommt sie ihren zusprechenden,
ihren ermutigenden Charakter.
Klepper muß dem Menschen nichts abverlangen,
was ihm unmöglich ist.
Bei Luther hatte er von Gottes Gerechtigkeit gehört,
die den Menschen gerecht macht
und ihn nicht zur Selbstrechtfertigung aufruft.
Klepper kann mit der Bibel Trost und den Grund christlicher Gewißheit zusprechen.
"Noch manche Nacht wird fallen
auf Menschenleid und -schuld.
Doch wandert nun mit allen
der Stern der Gotteshuld.
Beglänzt von seinem Lichte,
hält euch kein Dunkel mehr.
Von Gottes Angesichte
kam euch die Rettung her."
Der vom anbrechenden Tag kündende Morgenstern ist göttlicher Glanz,
der nichts beim Alten läßt,
der nicht in der Nacht von Leid und Schuld versinken läßt.
Sie wird nicht verschwiegen,
die Nacht, die sich immer wieder und immer noch im Leben der Menschen Bahn bricht.
Doch was da auf einen fällt und ihn hält
wird beglänzt von einem Lichte, das die Rettung bringt.
Die Rettung auch aus dem kommenden Gericht,
das über alle Menschen von Gott her ergehen wird -
von Gott, den wir nicht in Stall und Krippe herabzwingen konnten,
sondern der selbst sich mit dem Menschen verbündetet:
"Gott will im Dunkel wohnen
und hat es doch erhellt!
Als wollte er belohnen,
so richtet er die Welt!
Der sich den Erdkreis baute,
der läßt den Sünder nicht.
Wer hier dem Sohn vertraute,
kommt dort aus dem Gericht!"
Wie die Melodie mit ihrem offenen hellen Schluß wagt auch der Text einen weiten Ausblick -
bis hinter das Endgericht.
Bis dorthin wo alle Bedrohung, alles Lebensfeindliche, aller Tod sein Ende finden wird.
Das ist kein Blick ins Ungewisse,
sondern ein Ausblick, der seine Gewißheit aus dem Blick zurück in den Stall gewinnt.
Christliches Leben ist Adventszeit,
leben in der Erwartung,
daß sich der wieder Kommende vergegenwärtigt.
Orgelzwischenspiel
  1. Überleitung

Das adventliche, das weihnachtliche Haus -
noch in den Tagen vor seinem Tod hat sich Jochen Klepper daran erfreut.
In seinem Kyrie-Bändchen finden sich allein sechs Lieder auf die Weihnachtszeit.
Schon daran läßt sich ermessen,
welche Bedeutung dieser Abschnitt des Kirchenjahres für ihn und seine Familie hatte.
Trost aus der Weihnacht,
Trost aus der Botschaft vom Stall und dem Flüchtlingskind -
kräftiger Trost,
weil Kleppers Lieder nicht schönen,
keinen Goldschimmer über die Szenerie legen.
Doch deshalb sind immer auch ein wenig sperrig, diese Lieder,
und nicht gut für unsere Heiligabende geeignet:
Weil sie an der Krippe vom Kreuz singen,
im Stall vom Galgen reden.
Sie stehen aller weihnachtlichen Verdrängung entgegen,
weil sie von des Menschen Schuld
und Gottes Sühne sprechen.
Anfangs- und Endpunkt des Leben Jesus auf Erden fließen ineinander.
Alle seine Weihnachtslieder nehmen uns hinein in das Geschehen auf Golgatha.
Klepper dichtet gegen die selbstgemachten Lichter an,
gegen künstliches Licht, das Dunkelheit nur zu überdecken, aber nicht zu erhellen vermag.
Das Licht, das an Weihnachten aufgeht,
empfängt seine Kraft aus der tiefsten Dunkelheit des Mannes am Kreuz,
des Gottverlassenen,
bei dem Gott blieb,
den Gott auferweckte.
Doch diese Auferweckung macht das Kreuz nicht zunichte;
die Auferweckung erweckt den Gekreuzigten.
Als der für uns Hingerichtete kann er uns aufrichten;
er, der das Grab von innen kennt,
der in einem Viehstall im Hinterhof der Geschichte zur Welt kam.
Am deutlichsten hat Jochen Klepper diese Gedanken in seinem Weihnachts-Kyrie entfaltet.
Wie so oft in seinen Liedern - erinnern wir uns an das zum ersten Lied Gesagte - spannt es einen weiten Bogen vom Damals - Strophe 1 - ins Dann - in der Schlußstrophe.
  1. Lied EG 50 "Du Kind zu dieser heilgen Zeit
  2. 1+2:Chor
  3. 3-5:Chor/Gemeinde/ohne Orgel
  4. Anmerkungen

Weihnachten als Sühneereignis:
Gott kommt auf unsere Seite zu stehen,
unsere Schuld zu tragen,
uns neues Leben zu schaffen.
"Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe;
denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge."
Diesen Vers aus dem lukanischen Weihnachtsevangelium setzt Klepper über sein Lied.
Wenn wir ihn im Zusammenhang dieses Liedes hören,
spüren wir, um wieviel Grade wärmer und heimeliger der Stalle in unserer Vorstellung geworden ist.
Diese Krippe stellt er neben das Kreuz,
aus ihrem Holz ist der Galgen gezimmert,
wie eine Legende erzählt.
Jede Strophe erzählt von diesem Zusammenhang von Krippe und Kreuz.
"das Kreuz ist dir schon aufgestellt ...
vor deiner Krippe gähnt das Grab ...
wir häuften auf dich unsere Straf'"
Ein erschreckendes Gegenbild,
ein unseren Weihnachtsfrieden störender Kontrast ersteht:
"Die Welt ist heut voll Freudenhall ...
Die Welt liegt heut im Freudenlicht ...
Die Welt ist heut an Liedern reich."
Das alles kann keinen letzten Trost bieten,
weil es nur Flucht ist in ein Idyll.
Die Weihnachtslieder Kleppers haben alle einen adventlichen Ton:
Advent - Bußzeit und Hoffnungszeit,
eine Zeit, die Kyrie singt und so die Freude des Hosianna einholt.
So wird Weihnachten,
indem unsere Nacht, unsere Schuld zur Sprache kommt
und sich der uns offenbart,
der vom Kyrie zum Hosianna geleitet:
"Wenn wir mit dir einst auferstehn
und dich von Angesichte sehn,
dann erst ist ohne Bitterkeit
das Herz uns zum Gesange weit!
Hosianna!"
Es sind ehrliche Lieder,
die Klepper dichtet.
Deshalb vermögen sie zu trösten.
Sie sagen nicht mehr als redlicherweise im Moment zu sagen ist:
"dann erst ... ohne Bitterkeit".
Sie überspielen nicht -
und deshalb vermögen sie zu trösten.
Nicht zuletzt deshalb,
weil hinter ihnen ein Schicksal steht und
ein Mensch, der um die Anfechtung der Bitterkeit wußte.
"Wenn wir mit dir einst auferstehn
und dich von Angesichte sehn ...
Hosianna!"
  1. Gebet

Guter Gott,
mach uns stark im Glauben,
und wo wir schwach sind halte du selbst uns.
Guter Gott,
rette, die unter Unrecht leiden;
stehe für die ein, die zu Sündenböcken gemacht werden sollen,
beschütze, die auch heute unter Diktaturen leiden.
Guter Gott,
dein Reich komme!
Amen.
  1. Vaterunser

Vater unser im Himmel!
Geheiligt werde Dein Name!
Dein Reich komme!
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden!
Unser täglich Brot gib uns heute!
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern!
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen!
Denn Dein ist das Reich
und die Kraft
und die Herrlichkeit
in Ewigkeit.
Amen.
  1. Lied EG 379,1+2 "Gott wohnt in einem Lichte" (M: "Befiehl du deine Wege" EG 361; Gemeinde/Orgel)
  2. Abkündigungen
  3. Schlußbemerkungen

1903 bis 1942 -
diese Jahreszahlen begrenzen ein Menschenleben,
das zu Widerspruch herausfordert
und -wenigstens- zu Respektnötigt.
Widerspruch vielleicht gegen all dieses Sich-Anpassen
und übergroße Loyalität,
gegen einen passive Grundhaltung in einer wirren Zeit.
Der Satz Richards von Weizsäckers fällt mir ein,
der vermutet,
daß Weimar an zu wenig Demokraten zugrunde ging.
Erst gegen Ende seines Lebens kamen Jochen Klepper Zweifel
ob das wirklich christlich sei oder nicht vielmehr heidnisch, nordisch:
dieses Sich-Dreinschicken in die Fügungen.
Freilich,
und deshalb wird sich solcher Widerspruch mit verhaltener Stimme zu Wort melden:
Welche Wahl hätte Klepper gehabt?
Über sein Verhältnis zur Auswanderung haben wir gehört;
und war nicht Loyalität bis zur Selbstaufgabe der einzig gangbare Weg -
als Mann einer Jüdin, mit einem jüdischen Kind?
Da erlitt ein Deutscher, ein Christ,
was Deutsche jüdischen Deutschen antaten.
Doch wenigstens hier gelang es den braunen Machthabern nicht,
Menschen einander fremd zu machen.
Inmitten eines Staates, einer Gesellschaft, die sich aus der Abgrenzung gegen das Fremde heraus verstand
ließen sich hier drei Menschen nicht einander entfremden.
Vielleicht wäre für den Schriftsteller und Dichter der Kirchenlieder mehr möglich gewesen,
vielleicht hätte er eindeutiger Stellung beziehen sollen.
Sein Leben und sein Ausgang jedoch bleiben Zeugnis von dem Gott, der sich in Krippe und Kreuz dem Menschen zur Seite stellte:
"In jeder Nacht, die mich umfängt,
darf ich in deine Arme fallen,
und du, der nichts als Liebe denkt,
wachst über mir, wachst über allen.
Du birgst mich in der Finsternis.
Dein Wort bleibt noch im Tod gewiß."
  1. "Verleih uns Frieden gnädiglich" EG 421
  2. Segen/Amen

Der Herr segne Dich und behüte Dich!
Der Herr lasse leuchten sein Angesicht über Dir
und sei Dir gnädig!
Der Herr erhebe sein Angesicht über Dich
und gebe Dir Frieden!
  1. gesungenes Amen
  2. Orgelnachspiel








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