Ein Rundgang durch das historische Gönningen

aus: Lothar Gonschor: Kulturdenkmale und Museen im Kreis Reutlingen, Stuttgart 1989.

mit freundlicher Erlaubnis des Konrad Theiss Verlags Stuttgart

Berühmt ist der Ort durch seinen weltweiten Samenhandel, der sich ab 1600 entwickelte und nach dem Dreißigjährigen Krieg mit zunehmendem Erfolg betrieben wurde. Der Ort entstand aus dem (unteren) Dorf und der (oberen) wohl im 13. Jh. von den Herren von Stöffeln gegründeten Stadt links der Wiesaz.
Inmitten dieser einst befestigten Stadt steht in Nachfolge früherer Gotteshäuser (seit dem 12. Jh.) die ev. Peter-und-Pau1-Kirche. Johann Georg Rupp erbaute sie 1842-1844 als dreischiffige Hallenkirche unter Einbeziehung des spätgotischen Chors samt spitzbogigem Vorchor. Seitlich erhebt sich über dem gotischen Untergeschoß (13. Jh.) der im 19. Jh. erhöhte Turm mit Spitzhelm. Den Chor mit teils reich gestalteten Maßwerkfenstern überspannt innen ein von zarten Rippen gegliedertes Gewölbe mit kleinen Schlußsteinen. Im fünfjochigen Schiff tragen hölzerne Säulen flache, geputzte Kreuzgratgewölbe und dreiseitig umlaufende Emporen mit maßwerkgefüllten Holzbrüstungen. Kanzel, Orgel, Altar und das ägotisch“ gehaltene Chorgestühl stammen aus der Erbauungszeit.
In der Torstraße (Nr. 20) steht das Pfarrhaus aus dem frühen 17. Jh. mit Krüppelwalmdach. Dieselbe äamtliche“ Dachform zeigt auch das alte Schulhaus von 1811 (Kirchstr. 1).
Die Häuser der Stadt waren trotz der engen Bebauung meist Anwesen von Ackerbürgern und oft als Eindach- und Doppelhäuser gebaut (Torstr. 17/19). Das Haus Konradstr. 4, wohl 1835 erbaut, zeigt an den Eingängen die typische Abfolge von Wohnteil, Stall und Scheune.
An der Grabenstraße und am Roßbachweg finden wir niedrige, verputzte kleine Fachwerkhäuser, die der ehem. Stadtmauer aufsitzen (Im Ländle 17). Außerhalb des ehem. oberen Tors stehen Im Ländle einige recht alte, z.T. veränderte Häuser, wohl aus dem 15./16. Jh., darunter das Haus Nr. 19 mit dem ehem. Rauchloch im Krüppelwalmdach und das Haus Nr. 29/31 mit überblattetem Fachwerk.
An der Roßbergstraße liegt der zum Wohnhaus veränderte ehem. Zehnthof (Zehnthof 2). Davor steht die ehem. Schmede aus dem 19. Jh. Der Reichtum der Händler mag im 17/18. Jh. zu den schönen Fachwerkgliederungen der mittelgroßen Häuser Nr. 16 und 19 geführt haben die u. a. doggenartige Hölzer aufweisen; Nr.17 zeigt geschweifte Bügen und noch lange Knaggen im Giebel. Zum Anfang des 19. Jh. gehört das Gasthaus Sonne (Nr. 14) mit symmetrischer Fensterreihung und profiliertem Dreiecksgiebel. Im letzten Viertel des 19 Jh. entstand das Haus eines Hopfenhändlers mit Stilelementen der Neurenaissance (Nr.11).
Der Markt (Stöfflerplatz) lag außerhalb und bildete die Nahtstelle zum Dorf. Hier steht an der Stelle eines älteren Baus das Ratzaus aus Tuffstein von 1910 mit traditionsgemäßen Arkaden. Auf dem steilen Krüppelwalrndach reihen sich begiebelte Zwerchhäuser ein Dachreiter sitzt mittig auf. Dahinter befindet sich das ehem. Neue Schulhaus von 1867. An der Wiesaz (Backhausstr. 9) liegt die veränderte ehem. Obere Mühle, die 1522 genannt wird, aber älter ist.
Vom Markt führt die Hauptstraße nach Bronnweiler. Auch hier haben sich viele. teils sehr schöne alte Fachwerkhäuser erhalten, die ins 16. Jh. und weiter zurückgehen. Die Gehöfte ähneln einander: Das Wohnhaus steht giebelständig oft mit vorspringenden Geschossen (Nr. 22, 34/36, 38) und Zierfachwerk (Nr. 42 und Hechinger Str. 2).
Überblattungen und ein Konsolholz mit dem Umriß eines Kopfes aus spätgotischer Zeit fallen am Giebel von Haus Nr. 9 auf. Besser erhalten ist die Knagge mit Kopf am Fachwerk von Haus Nr. 47. Das ehem. Beginenhaus (Nr. 44) gehörte wohl ursprünglich zum ortsadeligen Fronhof und ist heute Wohnhaus.
Außerhalb des Dorfes entstanden die Ziegelhütten. Das Wohnhaus Öschinger Str. 2 besitzt noch Fachwerk aus dem 16. Jh.
Auf dem Stöffelberg lag die wahrscheinlich im Städtekrieg (1376-1388) zerstörte ehem. Burg des edelfreien Geschlechts von StöffeIn. Von der ursprünglich großen Anlage sind Reste der Ringgräben zu erkennen. Aufgrund der 1893 und 1930 durchgeführten Untersuchungen lassen sich Vorburg, Zwischenhof, Torturm und Hauptburg rekonstruieren. Heute sind diese Spuren überwachsen.