Gönningen - Geschichte und Gegenwart

von Prof. Dr. Paul Ackermann, Bezirksbürgermeister
(im "Wegweiser" von 1996)




1092 wird Gönningen zum erstenmal urkundlich erwähnt, und zwar als Ginningen. Die Schlußsilbe -ingen und ein aIemannisches Grab, das in der Flur »Unterdorf« nordöstlich vom Ort gefunden wurde, lassen darauf schließen, daß die Siedlung schon in der Landnahmezeit der Allemannen im 5. und 6. Jahrhundert nach Christus gegründet wurde. Die Edelfreien von Stöffeln bauten im 12. Jahrhundert oberhalb von Gönningen eine Doppelburg, von der heute nur noch die Ringgräben zu erkennen sind. Die Stöffler sorgten auch dafür, daß der Ort, wie aus einer im Jahre 1287 ausgestellten Urkunde hervorgeht, zur Stadt erhoben wurd. Nachdem sie um 1300 Burg und Stadt an Württemberg verkaufen mußten, ist das Stadtrecht bald wieder eingeschlafen. Der Ort wird häufig von seinem Besitzer verpfändet. Im Städtekrieg besetzen die Reichsstädte Gönningen und zerstörten 1388 die Stöffelburg. Bis 1938 gehörte die württembergische Gemeinde zum Oberamt Tübingen und kam dann zum Kreis Reutlingen. 1971 wurde Gönningen, das damals 2930 Einwohner zählte, freiwillig nach Reutlingen eingemeindet.

Beim Gönninger Wappen soll die schwarze Hirschstange daran erinnern, daß dieser Ort seit 1300 in württembergischem Besitz ist. Die Herkunft des Jagdhorns ist nicht geklärt Als Flaggenfarben gelten Gelb-Blau.
Berühmt ist der heutige Reutlinger Stadtteil vor allem durch seinen Samenhandel, der in größerem Umfang seit Mitte des 18. Jahrhunderts betrieben wurde. 1854 waren von den 2600 Einwohnern 1200 in ganz Europa und sogar in Amerika unterwegs, um Blumen- und Gemüsesamen und Blumenzwiebeln zu verkaufen. Noch heute gibt es in Gönningen etwa 20 Samenhandelsfachgeschäfte. Der Reutlinger Präzeptor Carl Bames hat in der Mitte des vorigen Jahrhunderts die Gönninger Samenhändler folgendermaßen beschrieben:
»Die Gönninger sind weltbekannt
In Stadt und Land;
Durch Europa, ohne zu spassen,
Rufen sie durch alle Gassen,
Wo Menschen wohnen,
Und ihr Ruf klingt nicht übel:
»Weiber kaufet, Zwiebeln,
Samen, Bohnen!«
Mit Sämereien von jeder Art
Nach 5üd und Nord,
Von Ort zu Ort
So ziehen sie geschart ...«
Als 1902 Gönningen einen Eisenbahnanschluß über Gomanngen nach Reutlingen erhielt, bemerkte der Landtagsabgeordnete und spätere Vizekanzler des Deutschen Reiches Friedrich Payer: »Gönningen braucht man nicht an die Welt anzuschließen, aber die Welt an Gönningen.« Im von 1905 bis in die vierziger Jahre erscheinenden »Wiesazboten« hatte der Ort sogar eine eigene Zeitung.
Neben der imposanten neugotischen evangelischen Kirche und dem im Jugendstil erbauten Rathaus weisen einige interessante und stattliche Bürgerhäuser darauf hin, daß die Samenhändler von ihren Reisen auch bauliche Anregungen mitgebracht haben. Als Baumaterial wurde oft in der hiesigen Gegend, und sogar beim Berliner Olympiastadion, der Tuffstein verwendet, den die Firma Schwarz bis 1970 u. a. auf dem Gebiet der heutigen Gönninger- bzw. »Schwarze« Seen abbaute.
Aus der landschaftlich besonders schönen Markung, die 1568 ha umfaßt und zur Hälfte aus Wald besteht, ragt der Roßberg hervor. Mit seinen 869 Metern Höhe zählt er zu den beherrschenden Bergen der Schwäbischen Alb. Der heutige Aussichtsturm wurde 1913 vom 5chwäbischen Albverein erbaut, der dort auch eine Gastwirtschaft und ein Wanderheim unterhält. Insgesamt entwickelt sich der Stadtteil Gönningen mit 3730 Einwohnern zu einem immer beliebter werdenden Wohnstandort und zu einem Naherholungsbiet für die Stadt Reutlingen und die Region.