Gemeindebrief 1/2000

Ostern 2000


Symbol: Gönninger Kirche



In dieser Ausgabe:

Editorial ...
Ostern ...
Erna Kautter - Abschied als Kirchenchorleiterin ...
Katrin Seeger - neue Kirchenchorleiterin ...
Gäste aus St. Luke`s ...
Madagaskar - Flutkatastrophe ...
Kirchgeld ...
Termine ...
Umwelt-Tip Nr. 10 - Das Auto ...
Gönninger Samen nach Rußland ...
Rückblick mit dem Gönninger Ex-Vikar Klaus Dieterle ...
Einblick - Der Kirchengemeinderat und wie er leitet ...
"Werft eure Netze nochmals aus ...




Editorial

Liebe Leserin, lieber Leser!

Abschied und Neubeginn – das Thema der Passions- und Osterzeit begleitet uns natürlich auch in diesem Gemeindebrief: Neben den Gedankenanregungen von Vikar Joachim Ruopp auf der gegenüberliegenden Seite beachten Sie bitte unseren "Mantel", der Ihnen die vielen Möglichkeiten vorstellt, in Gönningen oder in unserer Nachbargemeinde Ohmenhausen diese Zeit zu gestalten!

Abschied und Neubeginn – das ist zur Zeit auch ein Thema im Kirchenchor unserer Gemeinde: Nach einem drittel Jahrhundert geht Erna Kautter in den Ruhestand; Katrin Seeger wird die Chorleitung übernehmen.

In unseren Rubriken "Einblick" und "Rückblick" geht es diesmal um die Arbeit des Kirchengemeinderates und um den Gönninger Ex-Vikar Klaus Dieterle.

Zur besonderen Beachtung legen wir Ihnen auch diesmal die Seiten über unsere Auslandskontakte ans Herz: in Madagaskar gab es eine Flutkatastrophe, die auch das "Gönninger Brückle" nicht verschont hat, aus USA erwarten wir Besuch und in Rußland keimt hoffentlich Gönninger Gemüsesamen – allen Widrigkeiten zum Trotz.

Eine gesegnete Osterzeit und spannende Lektüre wünscht Ihnen

Ihr Redaktionsteam

Ostern

Liebe Leserin, lieber Leser!

Karfreitag und Ostern gelten als die wichtigsten Feste der Christenheit. Wir feiern mit – wir bemalen Ostereier und gehen am Karfreitag zum Abendmahl, wir erleben die Ruhe der Karwoche (wenigstens ein geschützter Feiertag, außerdem gibt es ja Urlaubsbrückentage) und hoffentlich auch die Freude von Ostern.

Und doch hat so manche und so mancher auch unbeantwortete Fragen an dieses Fest. Geburtstage (siehe Weihnachten) feiern sich eben leichter als Todestage, und für Ostern gibt es noch nicht einmal etwas Vergleichbares. Gerade zum wichtigsten Fest gibt sich dieser Christus, den wir feiern, ganz schön sperrig. Um unserer Sünden willen dahingegeben und um unserer Rechtfertigung willen auferweckt – wer hätte da keine Anfragen und Nachfragen? Wo sind die Worte, wo ist die Sprache, in denen uns das nahe gebracht werden kann?

Es ist gut, wenn wir es uns nicht zu leicht machen – wenn wir Passion und Ostern nicht einfach selbstverständlich hinnehmen – so, als wäre das ganz klar, daß da einer für uns sterben mußte und jetzt lebt – ohne Ende. Auch ich kann es Ihnen nicht beweisen – daß da einer für uns starb, daß da einer die Macht des Todes durchbrochen hat. Die Logik unserer Vorstellungen von der Welt greift hier nicht. Eine Bildreportage kann nicht erfassen, was geschehen ist und noch geschieht.

Was nicht bewiesen werden kann, kann trotzdem Wirklichkeit werden. Gott sei Dank! Ich denke an das Erlebnis einer Osternacht, an den Weg vom Dunkel ins Licht. Ich denke an Johann Sebastian Bachs Passionen und die schönen alten Lieder – "O Haupt voll Blut und Wunden". Ich denke an die Botschaft vom Lebendigen, die man angesichts offener Gräber vernommen hat. Und ich denke an den Osterruf unserer orthodoxen Mitchristen: auf das "Christos anesti" des Priesters stimmt der vielhundertfache Chor der Gemeinde ein: "alethinos anesti!" "Christus ist auferstanden" – "Er ist wahrhaftig auferstanden!"

Solche Ostererlebnisse, und seien sie noch so klein, setzen Herzen in Brand. Und solch brennende Herzen auf dem Wege wünscht Ihnen

Ihr

Joachim Ruopp, Vikar

Kirchenchorleiterin Erna Kautter geht nach 33 Jahren in den Ruhestand

Mit einem Kindergartenplatz begann es, nach einem drittel Jahrhundert endet die Zusammenarbeit des Kirchenchores der Evangelischen Kirchengemeinde Gönningen mit seiner Chorleiterin Erna Kautter.

Am Palmsonntag, den 16. April, wird sich Erna Kautter im Gottesdienst (ab 9.30 Uhr in der evangelischen Kirche Gönningen) von der Gemeinde verabschieden; ein Stehempfang im Chorraum der Kirche, bei dem vor allem der Dank von Kirchengemeinde und Chor ausgedrückt werden soll, schließt sich an. Die Predigt wird in diesem musikalischen Festgottesdienst der Reutlinger Dekan Dr. Jürgen Mohr halten.

1967 war Familie Kautter, damals wohnhaft in Bronnweiler, auf der Suche nach einem Kindergartenplatz. Man kam mit Pfarrer Ulrich Schüle ins Gespräch und "ins Geschäft": Kindergartenplatz gegen Chorleiterdienst – denn der Kirchenchor suchte damals längere Zeit vergeblich eine neue Leitung. 33 Jahre hat die Verbindung gehalten, bis nun zum Eintritt in den Ruhestand.

In dieser Zeit hat es Erna Kautter verstanden, den Chor zu einer Bereicherung des gottesdienstlichen Lebens werden zu lassen und in den vielen Konzerten und geistlichen Abendmusiken ein hohes Niveau zu erreichen. Mit Werken des Niederländers Zelenkah war sie ihrer Zeit voraus, und in der Abendmusik mit Stücken von Joseph Gabriel von Rheinberger glänzte die gelernte Chorleiterin nicht zuletzt durch die hervorragende Zusammenstellung.

Am Ende ihres Dienstes in Gönningen ist es kein Zufall, sondern geht es auf ihre Initiative zurück, daß Erna Kautter ihren Abschied in einem Gottesdienst nimmt: Die Mitgestaltung der Gottesdienste in der Kirche waren ihr immer zentrales Anliegen. Dafür und für all ihr großes Engagement dankt ihr die Evangelische Kirchengemeinde Gönningen sehr herzlich! Wir wünschen ihr und ihrem Mann gesegnete – und wirklich ruhigere – Zeit im Ruhestand!

Die Nachfolge von Erna Kautter wird am 1. Mai Katrin Seeger, Studentin der Kirchenmusik aus Reutlingen, übernehmen. Sie wird daneben öfters einmal an der Orgel den Gottesdienst mitgestalten. Auf der nächsten Seite können Sie sie ein wenig näher kennen lernen!

Stabwechsel – Katrin Seeger neue Leiterin des Gönninger Kirchenchores – hier lernen Sie sie ein wenig kennen!

Mit einem Dirigentenstab wird wohl auch sie nicht vor dem Chor stehen – trotzdem ist das leichtathletische Bild des Stabwechsels wohl zutreffend: derselbe Stab in neuen Händen: Manches wird sich verändern, manches gleich bleiben unter der neuen Leiterin. Und vielleicht haben Sie ja sogar Lust, "die Neue" live zu erleben und einmal eine Weile in den Kirchenchor 'reinzuschnuppern?! Nähere Infos gibt es bei Eckhart Liebmann, Tel. 7193. Frau Seeger selbst erreichen Sie unter Tel. (07121) 346181. Im Kirchengemeinderat hat sie über einige Stationen ihres bislang 22jährigen Lebens berichtet: Klavier- und Orgelunterricht, Kinderchormitglied, Abitur, Aufenthalte an der Nordsee und in Südafrika (Mitarbeit in Kindertageseinrichtungen), Studium an der Kirchenmusikhochschule in Tübingen seit 1998 ¼

Haben Sie ein Vorbild?

Kein personenbezogenes Vorbild.

Welche besonderen Eigenschaften würden Sie gerne besitzen?

Manchmal: "Hellsehen".

Welcher Traum sollte mal für Sie in Erfüllung gehen?

Ein längerer Auslandsaufenthalt.

Ihre Lieblingsbeschäftigung (wenn Sie viel Zeit haben)?

Reisen!

Wie heißt Ihr Konfirmationsspruch?

"Ich weiß, an wen ich glaube, und bin gewiß, er kann mir bewahren, was mir anvertraut ist (2. Tim 1,12)

Ihr Lieblingstier?

Der Elefant.

Ihre Lieblingsblume?

Tulpen und Rosen.

Ihre Lieblingsfarbe?

Dunkelblau.

Ihr Lieblingsinstrument?

Das Klavier.

Welche Musikart lieben Sie
besonders?

Das kommt ganz auf meine Laune an. Also fast alle!

Ihr Lieblingskomponist?

Zur Zeit Franz Schubert.

Ihr Lieblingskirchenlied?

Paul Gerhardts Lieder, z.B. "Sollt ich meinem Gott nicht singen".

Ihre Lieblingssportart?

Radfahren und Skifahren.

Welche menschliche Errungenschaft halten Sie für überflüssig?

Gentechnik.

Welche Errungenschaft der Menschheit halten Sie für die wichtigste?

Die Sprache.

Welches Elend auf der Welt würden Sie sofort abschaffen?

Die Hungersnot.

Ihr augenblickliches
Lebensmotto?

"Be yourself!" – "Sei du selbst!"

You’re welcome! – Wir freuen uns auf unsere Gäste aus St. Luke’s (Ann Arbor)

Im März vergangenen Jahres waren wir mit einer achtköpfigen Gruppe aus unserer Gemeinde in der St. Luke-Gemeinde in Ann Arbor (bei Detroit, Michigan, USA) zu Gast. Wir sind dankbar für die große Gastfreundschaft und freuen uns, vom 16. bis 26. Juni Gäste von dort bei uns zu haben. Leiter der Gruppe ist Ron Wrightson, der Manager der Gemeinde. Halten Sie sich schon mal den 17. Juni abends frei: Da gibt es eine Welcome-Soccer-Party für die ganze Gemeinde (und dem EM-Spiel Deutschland-England!)! Wenn Sie auch sonst Lust auf eine Begegnung haben, melden Sie sich: Tel. 2365! Am 19. Juni werden wir den Oberkirchenrat in Stuttgart besuchen und am 21./22. Juni auf Luthers Spuren wandeln ¼

Eine Brücke für Madagaskar.

Die Hoffnung nicht aufgeben – ermuntert uns (und sich) Eberhard Haule:

Beim Gemeindefest 1999 konnte ich Ihnen voller Freude die Bilder vom "Gönninger Brückle" präsentieren. Die damalige Einweihungsfeier war für mich ein unvergeßliches Erlebnis. Um diesem Dorf weiter zu helfen, wollen wir nun dort zwei oder drei Brunnen bauen, da das Wasser immer ein Problem ist und viele Menschen, vor allem Kinder, an Durchfall sterben. Das könnte man mit sauberem Wasser vermeiden.

Die Unwetter in dieser Region, Madagaskar und Mozambique, haben unsere Arbeit dort sehr erschwert, alles ist unter Wasser und auch unser Brückle steht wohl nicht mehr. Wir werden es wieder aufbauen und auch die Brunnen graben. Mit gutem Willen ist (fast) alles möglich. Nur die Hoffnung nicht aufgeben. Das gilt für die Menschen in unserem Dorf auf Madagaskar, wie überhaupt im Leben! Glaube, Liebe, Hoffnung – eine gute Basis für uns Menschen.

"Kirchgeld" – oder: Ein herzliches Dankeschön!

Wir möchten Ihnen auch in diesem Jahr sehr herzlich danken, daß Sie die Arbeit Ihrer Kirchengemeinde durch Ihr Kirchgeld oder Ihre Kirchensteuer unterstützen! Falls Sie Lohn- oder Einkommenssteuer entrichten, führen ja die staatlichen Stellen den Einzug der Kirchensteuer als (übrigens von der Kirche bezahlte) Dienstleistung gegenüber Ihrer Landeskirche durch. Falls Sie auf diesem Wege keine Kirchensteuer zahlen, bitten wir Sie – falls Sie in entsprechenden wirtschaftlichen Verhältnissen leben – um ein Kirchgeld in Höhe von ca. 50 Pfennigen pro Woche (siehe unten!). Durch Kirchensteuer und Kirchgeld (das direkt Ihrer Gönninger Kirchengemeinde zugute kommt) unterstützen Sie die vielfältigen Aufgaben, die unsere Gemeinde übernommen hat. Erinnern möchte ich in diesem Jahr an den neuen Gottesdienst-Cassettendienst und vor allem auch an die weiter wachsende Jugendarbeit.

Und hier noch einige Informationen zum Thema Kirchgeld:

Kirchenmitglieder über 18 Jahre, die selbst oder beim Ehepartner keine Kirchensteuer zahlen, bitten wir, ihren Beitrag zur Finanzierung der vielfältigen kirchlichen Aufgaben über das Kirchgeld zu leisten. Das Kirchgeld beträgt (auch bei Ehepaaren) im Jahr DM 24.-. Nicht kirchgeldpflichtig sind Personen, die Sozialhilfe erhalten oder in ähnlichen wirtschaftlichen Verhältnissen leben. Nähere Informationen zum Thema bei Pfr. A. Behrend, Telefon 2365. Das Konto Ihrer Ev. Kirchengemeinde: Kreissparkasse Reutlingen (BLZ 640 500 00), Nr. 91569. Sie können ggf. den beiliegenden Zahlschein verwenden!

 

Termine – Treffs - Kontakte

30. - April - 9.30 - Kirche - Gottesdienst zum Abschluß der Osterfestwoche

4. - Mai - 14.00 - ab Rathaus - Jüngere Senioren (Solitude)

7. - - 9.30 - Kirche/Gemeindehaus - Gottesdienst/Kindergottesdienst - (2. Sonntag nach Ostern)

14. - - 9.30 - Kirche/Gemeindehaus - Gottesdienst mit Taufen und Aufnahme in unserer Kirche - Kindergottesdienst (3. SnO)

18. - - 14.30 - Gemeindehaus - Kaffeestündle

21. - - 9.30 - Kirche/Gemeindehaus - Konfirmation - Kindergottesdienst

28. - - 9.30 - Kirche - Gottesdienst mit Konfirmanden-Abendmahl

1. - Juni - 9.30 - Kirche - (Chorraum) - Gottesdienst - (Himmelfahrt des Herrn)

4. - - 9.30 - Kirche - Gottesdienst (6. SnO)

8. - - 14.00 - ab Rathaus - Jüngere Senioren (Blaubeuren)

11. - - 9.30 - Kirche - Gottesdienst an Pfingsten

12. - - 9.30 - Kirche - Gottesdienst am Pfingstmontag

15. - - 20.00 - Gemeindehaus - Konfirmanden-Anmeldeabend

17.-26. - - - - - - Gemeindebesuch aus - Ann Arbor/Michigan (USA)

17. - - 18.00 - Gemeindehaus - Welcome-Soccer-Party (mit EM-Spiel Deutschland-England)

18. - - 9.30 - Kirche/Gemeindehaus - Gottesdienst am Dreieinigkeitsfest (Abendmahl) mit den Gästen aus USA/Kindergottesdienst

21. - - 15.00 - Kirche/Gemeindehaus - erster Konfirmandenunterricht

25. - - 10.00 - Gemeindehaus - Gemeindefest (Auftakt mit einem Familiengottesdienst)

2. - Juli - 9.30 - Kirche/Gemeindehaus - Gottesdienst (2. Sonntag nach dem Dreieinigkeitsfest)/ - Kindergottesdienst

7.-9. - - - - - - KonfiCamp für die - Konfirmand/innen 2001

9. - - 9.30 - Kirche/Gemeindehaus - Gottesdienst (3. SnD - Taufen)/ - Kindergottesdienst

9. - - - - Kirche - Haydns "Schöpfung"

13. - - – - ab Rathaus - Jüngere Senioren (Tagesausflug Bad Wimpfen)

16. - - 11.00 - Roßbergwiese - Ökumenischer Gottesdienst zum Roßbergwiesenfest der kath. Gemeinde/Kinderangebot

20. - - 14.00 - - Gemeindehaus - Kaffeestündle auf dem Roßberg

22. - - – - um die Kirche - Dorffest

23. - - 9.30 - Kirche/ - Gemeindehaus - Gottesdienst (4. SnD)/letzter Kindergottesdienst vor den Sommerferien

23. - - 17.00 - Kirche - Konzert des Gomaringer Kinderchores

Unser Umwelt–Tip (Nr. 10) "Wußten Sie, daß ¼ " von Konrad Wagner

¼ das "Treibhausgas" Kohlendioxyd (CO2)mit 50% zum Klimaproblem beiträgt – Überschwemmungen, Wirbelstürme und "Lothars" sind die Folge ¼

Ihr Auto bläst auf 100 km knapp einen halben Zentner dieses Umweltgiftes hinaus! Das sind etwa 12.000 Liter!

Daher freut sich nicht nur Ihr Geldbeutel, sondern auch die Lufthülle der Erde über jeden Kilometer, den Sie nicht mit dem privaten Auto, sondern zu Fuß, mit dem Fahrrad oder auch mit dem Bus zurücklegen: Der CO2-Ausstoß beträgt beim Bus nur durchschnittlich ein Viertel pro Fahrgast verglichen mit dem Auto! Darum:

Vor jedem "Klicken und Starten" zuerst denken: "Muß es das Auto sein?"

Gönninger Gemüsesamen auf dem Weg in den Osten – über eine gute Sache mit Hindernissen berichten Sigrun und Hans-Peter Häußermann

Als Besucher des Samenhandelmuseums und an der Geschichte Gönningens interessierte "Neubürger" (vor zehn Jahren zugezogen) war uns bekannt, daß in den letzten Jahrhunderten Gönninger Samenhändler bis nach Osteuropa kamen. In St. Petersburg und an der Wolga gab es damals größere deutsche Gemeinden, die wohl auch zum Kundenstamm gehörten. Dieses Wissen ließ uns schnell auf eine Anfrage von Schwester Fridel, früher Leiterin des Kinderheims im Hohbuch, reagieren. Sie suchte eine Partnergemeinde für eine deutsche evangelische Kirchengemeinde in St. Petersburg. Schwester Fridel verbringt ihren "Unruhestand" damit, Kontakte und Hilfstransporte in osteuropäische Länder zu organisieren und durchzuführen. Schon bald waren Kontakte zu Pfarrer Behrend und dem Kirchengemeinderat geknüpft. Auf unserem Gemeindefest 1999 konnte Margret Schulmeister, eine pensionierte Lehrerin aus St. Petersburg, die anläßlich des Kirchentags zum ersten Mal in Deutschland war, etwas davon berichten, wie das Leben bzw. das "Überleben" in St. Petersburg aussieht und wie sehr die Menschen dort auf unsere Hilfe angewiesen sind. Schon im Herbst 1998 hatten zwei Gönninger Firmen Samen gespendet und diese konnten aufgrund der guten Verbindungen von Schwester Fridel sicher nach St. Petersburg und auch an die Wolga nach Samara gebracht werden. Die Menschen waren schon damals sehr dankbar für dieses erste Zeichen der Hilfe. Doch dies ist nur die Vorgeschichte für alle, die zum ersten Mal von den St. Petersburg-Aktivitäten hören.

Auch Ende 1999 sollte die Spendenaktion von Gemüsesamen wiederholt werden. Es kam diesmal eine weitaus größere Menge zusammen, so daß eine Spedition mit dem Transport beauftragt werden mußte. Ein Gottesdienstopfer wurde verwendet, damit die Samen auf ihren Weg nach Osten gebracht werden konnten. Sie wurden sehnsüchtig erwartet, um am Fenster so mancher Wohnung in St. Petersburg vorzukeimen. Doch für den russischen Staat, in diesem Fall vertreten durch den Zoll, ist unkomplizierte Kooperation im Interesse seiner Bürger noch ein Fremdwort! Unerschwinglich hohe Zoll- und Lagergebühren drohten das ganze Unternehmen trotz vielfacher Schenkungs- und Spendenbescheinigungen scheitern zu lassen. Die Stadt St. Petersburg übernahm die gesamte Sendung für die Katharinenkirche und versprach, einen Teil für mildtätige Zwecke an die Kirchengemeinde zurückzugeben. Frau Schulmeister ist immer noch in Verhandlungen mit dem deutschen Konsulat (das sich nicht mit Ruhm bekleckert hat), dem Landwirtschaftsministerium in Moskau und der Stadt St. Petersburg. Jede persönliche Verbindung ist hier wichtig. Noch ist nicht sicher, was dabei herauskommt. Wir haben daraus gelernt, daß diese Hilfsunternehmungen nicht im großen Stil nach Rußland möglich sind und die privat organisierten, direkten Transporte erfolgreicher sind. Auf diese Weise ging ein weiterer Großteil der Samen nach Samara, Bulgarien und in die Ukraine, wo sie die Menschen auch erreichten , die so sehnsüchtig darauf gewartet haben. Wir danken an dieser Stelle nochmals allen, die diese Hilfsaktion ermöglicht haben.

"Rückblick" – mit dem Gönninger Ex-Vikar Klaus Dieterle sprach Dietrich Birkenhofer

Herr Dieterle, Sie waren von März 1991 bis August 1993 Vikar in Gönningen. Pfarrer Gerstlauer hat Sie betreut. Wohin führte Sie der Weg danach?

Nach dem Vikariat in Gönningen wollte ich mir eine kleine Denkpause gönnen - die braucht es ab und zu im Leben, um mir sicher zu werden, ob ich den Beruf des Pfarrers langfristig ausüben möchte. Unsere Familie ist nach Stuttgart-Zuffenhausen gezogen. Diese einjährige Ungebundenheit nutzte ich, mich um die Kinder zu kümmern, während meine Frau in Ruhe ihren Uni-Abschluss machen konnte. Und weil man nicht allein von Luft und Liebe leben kann, habe ich ein kleines Deputat als Religionslehrer an einer Stuttgarter Realschule übernommen.

Warum entschieden Sie sich gerade für den Schuldienst?

Bis heute ist der Religionsunterricht etwas, was mir Spass macht und was ich sehr ernst nehme. Ich halte es für eine gute Übung für einen Pfarrer, mit Jugendlichen und Kindern über den Glauben zu reden. Jugendliche lassen sich keine Phrasen und vorgestanzte Glaubenswahrheiten gefallen. Der Religionsunterricht stellt an einen die Aufgabe "weltlich von Gott zu reden", wie Dietrich Bonhoeffer es gefordert hat.

Wie sah Ihre Lehrtätigkeit dort aus?

Nun, ich kam ab und zu gewaltig ins Schwitzen, da man als Vertretung und "Reingeschmeckter" an der Schule und bei den Schülern nicht gleich als der große Star gehandelt wird. Ich glaube aber, ich habe mich wacker geschlagen.

Was veranlasste Sie, wieder in eine Gemeinde zurückzukehren?

Eines Tages kam ein Anruf vom Oberkirchenrat und es wurde mir vorgeschlagen, mein Pfarrvikariat auf Dienstaushilfe beim Dekan in Stuttgart zu machen. Dieses Angebot war für mich verlockend und so bin ich in die Gemeindearbeit zurückgekehrt.

Erzählen Sie uns von Ihrer neuen Gemeinde!

Seit März 1997 bin ich auf meiner ersten ständigen Pfarrstelle in Esslingen-Zollberg. Was mir hier sehr gefällt: Dass die Gemeindearbeit durch viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mitgetragen wird. Es gibt hier sehr viele interessante Projekte in der Gemeinde: "plusminus 60", eine Diakonische Initiative, einen Walktreff, Malkurse, "Zeit für uns" – ein Angebot für Frauen, einen neugegründeten Posaunenchor, ökumenische Gruppen und regelmässige ökumenische Gottesdienste, eine neueingerichtete Kaffeebar in der Kirche als Treffpunkt für Erwachsene.

Wo setzen Sie Ihre Schwerpunkte in der Gemeindearbeit?

Der Stadtteil Zollberg hat einen hohen Anteil an älteren Menschen. Jetzt findet aber ein Generationenwechsel statt und viele junge Familien ziehen hierher. Der Schwerpunkt der Gemeindearbeit liegt für mich darin, die jüngere Generation in die Kirche zu integrieren.

Welche Ausbildungshilfen oder Erkenntnisse haben Sie aus Ihrer Gönninger Vikariatszeit mitgenommen?

Ich glaube in Pfarrer Gerstlauer einen Ausbildungspfarrer gehabt zu haben, bei dem ich das nötige "Handwerkszeug" für meinen Beruf gründlich erlernt habe. Ich habe in Gönningen gelernt, dass vieles in einer Gemeinde auf Kommunikation ankommt. Man sagt hier auf dem Zollberg zutreffend: "Ein Pfarrer darf sich nicht hinter seiner Bibel verstecken."

Ich habe hier vor mir ein Bild des Gönninger Konfirmationsjahrganges 1992 mit Ihnen und Pfarrer Gerstlauer im Chorraum unserer Kirche. Und nun stelle ich die unmögliche Frage, ob Ihnen noch (Vor-)Namen von Konfirmanden einfallen oder ein besonderes Erlebnis von dieser Gruppe?

Ja, mir fallen da noch Namen ein: Dirk Schöllkopf, Jörg Baisch, Thomas Endres, Maike Denrich, Sandra Fischer, Ihre Tochter Julia ¼ aber ich komme dann auch schnell ins Schwimmen. Gerne denke ich an den Konfirmanden-Club, mit dem ich einmal mit dem Fahrrad nach Bodelshausen gefahren bin. Wir haben dort ein Wochenende in einer Hütte verbracht. Ich war damals sehr verwundert, dass Jugendliche ein ganzes Wochenende im Schlafsack mit Chips und Walkman verbringen können ¼

Ein anderes Mal waren wir in der Jugendherberge in Erpfingen. Wir sind leider unangenehm aufgefallen und der Herbergsvater wollte uns vor die Tür setzen. Ich habe mit Engelszungen den Herbergsvater überredet, uns noch einen Tag zu dulden.

Welche Erinnerungen haben Sie sonst an Gönningen?

Ich erinnere mich an viele einzelne Personen und Mitarbeiter/innen, an die schöne Landschaft, an die Ladengeschäfte, die Post, das Rathaus als Treffpunkt der Jugendlichen, an die 900-Jahrfeier, donauschwäbische Küche, an die steile Treppe zur Kanzel, die Arche-Tage, die Renovation der Kirche, an die Ausgrabungsarbeiten und die Knochenfunde ¼

Darüber sprechen wir lieber nicht. Aber, wie geht es Ihrer Familie?

Unsere Familie ist seit Gönningen nochmals gewachsen: Im August 1995 ist unsere Tochter Mira geboren. Wir freuen uns, hier am Ort Kontakt zu vielen anderen Familien zu haben.

Was machen die anderen beiden Kinder?

Die machen einem bewusst, dass unsereiner älter wird. Elias und Jule sind längst in der Schule und entwickeln ihre Interessen. Elias spielt gerne Theater, Jule macht gerne Musik. Elias hat übrigens noch sehr genaue Erinnerungen an Gönningen.

PS In einem persönlichen Brief teilte mir Pfarrer Dieterle ausserdem mit, dass bei ihm daheim noch häufig nach Rezepten aus unserem Gönninger Kochbuch gekocht wird!

"Einblick" – "Kirchengemeinderat und Pfarrer leiten gemeinsam die Kirchengemeinde" ¼

¼ so heißt es in unserer Kirchengemeinde-Ordnung. Aber wie macht der Kirchengemeinderat das eigentlich praktisch? Einblicke in den Ablauf einer Sitzung geben Sigrid Meiers und Pfr. Alexander Behrend.

Vielleicht ist es ja ein Zeichen des Vertrauens, daß die Einladung zur öffentlichen Sitzung so selten wahrgenommen wird. Aber "öffentlich" heißt ja auch, daß über die hier gefällten Entscheidungen in den entsprechenden Kreisen gesprochen wird, daß darüber berichtet wird, daß das hier Gesprochene jedem zugänglich ist.

Unsere Sitzungen beginnen jeweils mit einer kurzen Andacht und werden dann in der ersten Stunde damit fortgesetzt, sich über ein Thema zu informieren, sich theologisch fortzubilden (in diesem Halbjahr begleitet uns das Apostolische Glaubensbekenntnis); öfters werden auch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus den Gruppen und Kreisen eingeladen, um über ihre Arbeit, ihre Erfahrungen, Sorgen und Probleme zu informieren.

In weiteren ein bis zwei Stunden werden die Tagesordnungspunkte beraten, die alle mit der Einladung zur Kenntnis bekommen haben. In dieser Einladung sind bereits alle wesentlichen Informationen schriftlich enthalten, so daß auch das Erstellen des Protokolls keine allzu große Mühe macht (fast jeder beteiligt sich reihum an dessen Erstellung). Beraten werden organisatorische Dinge: Vermietungen von Kirche oder Gemeindehaus und Anschaffungen; Veranstaltungen werden geplant: das Gemeindefest, Erwachsenenbildungs- und Seniorenveranstaltungen ¼ Eine große Herausforderung ist es zu überlegen, wie die Gemeindearbeit vorangebracht werden kann: Fragen der Gottesdienstgestaltung, ein Cassettendienst, die Förderung der Jugendarbeit ¼ Eine wichtige Aufgabe des KGR ist die Finanzverwaltung: der Haushaltsplan will beraten, die Kirchengemeinde-Rechnung festgestellt, die Verwendung von Opfern festgelegt werden.

Alles, was mit Personal-Angelegenheiten zu tun hat, wird nichtöffentlich verhandelt. Hier geht es vor allem um die Bekanntgabe von Kirchenaustritten und die Zustimmung zu (Wieder-)Eintritten und vor allem um die Neueinstellung von Personal.

Etwa zehn Sitzungen und eine Klausur haben wir im Jahr – für die Leitung einer großen Kirchengemeinde mit einem Hauhaltsvolumen von über einer halben Million Mark, mit vielen haupt- und noch mehr ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, mit 2300 Mitgliedern wahrlich kein zu großer Aufwand! Und allemal eine spannende Angelegenheit. Vielleicht wäre es auch etwas für Sie oder jemanden in Ihrem Umfeld, an diesem Leitungsamt teilzuhaben? Die nächste Wahl ist schon im kommenden Jahr ¼

Werft eure Netze nochmals aus

Der tote Jesus
hat sie ernüchtert.
Jähes Ende
eines Glaubens.
Wem sollten
sie ihr Vertrauen
schenken?
 
Der Gute stirbt
am Kreuz.
Was zählen Wunder,
wenn der Gerechte
ungerecht verurteilt wird
und sterben muß?
 
"Werft eure Netze
nochmals aus!"
Das Wort
des Unbekannten
am See Tiberias
an die Enttäuschten.
 

Martin Gutl (in M. Gutl: Der tanzende Hiob; Verlag Styria Köln u. a.; 51986)