Gemeindebrief 2/1998

Sommer


Symbol: Gönninger Kirche



In dieser Ausgabe:

Über den Wolken ...
Einblick - der Gospel Chor Gönningen ...
Willi Hoss mit einem Vortrag in unserer Gemeinde ...
Umwelttip Nr. 3 ...
Die neuen Konfirmandinnen und Konfirmanden fangen miteinander an...
Rückblick - Ex-Kirchengemeinderat und -Kirchenpfleger Gottlieb Kiefer ...
Kirchengemeinderat in Klausur ...




"Über den Wolken muß die Freiheit wohl grenzenlos sein"

ein Thema nicht nur für Konfirmandinnen und Konfirmanden ¼

Liebe Leserin, lieber Leser!

Dieter Thomas Kuhn macht’s möglich, daß Jugendliche "von heute" einen uralten Reinhard-Mey-Schlager voller Inbrunst mitsingen; neuerdings zwar im Samba-Rhythmus, aber offensichtlich auch angesprochen von Zeilen, die ihrem Lebensgefühl entgegenkommen:

"Über den Wolken muß die Freiheit wohl grenzenlos sein,

alle Ängste, alle Sorgen,

sagt man, blieben darunter verborgen,

und dann würde, was uns groß und wichtig erscheint,

plötzlich nichtig und klein."

Wir Älteren haben es kräftig mitgesungen auf dem Konfirmanden-Camp Ende letzten Monats; mit über 500 Jungen und Mädchen aus dem ganzen Kirchenbezirk haben wir da ein Wochenende in einer Zeltstadt verbracht. Und wir haben uns mit hinein nehmen lassen in die schöne Sehnsucht nach dem Leben: Die Dinge aus der rechten Perspektive und mit der richtigen Gewichtung sehen; das Leben auch mal auf die leichte Schulter nehmen; mal naiv sein ¼

"Ich wär‘ gerne mitgeflogen", liebe Leserin, lieber Leser, ich weiß nicht, ob auch dieser melancholische Satz in der letzten Strophe bei den jungen Leuten ankommt. Jedenfalls wissen wir Älteren alle: "Runter kommen sie immer" ¼ Keiner kann ewig fliegen und die Wolken von oben betrachten, nicht mal der König der Lüfte. "Runter kommen sie immer" – fragt sich nur wie.

Ich wünsche Ihnen, daß Sie in dieser Ferienzeit – per Flugzeug, auf dem heimischen Balkon oder auch am Arbeitsplatz, an dem die Uhren doch ein bißchen anders gehen in diesen Wochen – zwischendurch abheben, über die Wolken schauen und Gott ein bißchen näher kommen. Und wenn Sie wieder runter müssen, dann behalten Sie die Ausblicke im Hinterkopf! Dann ist Erholung mehr als neue Kräfte sammeln, um im alten Trott weitermachen zu können. Dann wäre Erholung, die Welt und das eigenen Leben ein bißchen mehr aus Gottes Blickwinkel zu sehen. Gute Erholung wünsche ich Ihnen ¼

 

Ihr
Alexander Behrend, Pfarrer

 

"Einblick" – Der Gospel Chor Gönningen,

vorgestellt von Kuno Pahl und Hans Lederer

Good news ¼ (Gute Nachricht, Frohe Botschaft ¼ )

Am Anfang war die Idee, in Gönningen einen Gospelchor zu gründen. Ende '90 kamen die Dinge ins Rollen. Es gab ein erstes Treffen, zu dem ca. 30 interessierte Sänger und – in der Mehrzahl – Sängerinnen kamen.

Martin Zirngibl – damals noch kein Gönninger, aber ein Mann mit Chor-leitererfahrung – hat mit diesen Leuten den Gospel Chor Gönningen gegründet.

In der ersten Zeit gab es große Schwankungen in der Mitgliederzahl, teilweise waren in den Proben nur noch fünf bis sechs Leute, die jedoch diese Durststrecke überwanden und durch erste Auftritte in der Öffentlichkeit, z.B. in Gottesdiensten, immer wieder neuen Zulauf fanden. Das Repertoire war eine Mischung aus traditionellen Spirituals in englischer Sprache und deutschen Stücken unterschiedlichster Stilrichtungen, z.B. aus der Jugendchorliteratur.

Das erste große Konzert fand am 20. März 1994 in Gönningen statt und war ein großer Erfolg. Immer mehr wurde der Chor auch über Gönningen hinaus bekannt, was einerseits auch Sänger und Sängerinnen aus umliegenden Städten und Gemeinden zum Chor brachte und dem Chor Anfragen für Konzerte, Hochzeiten und weitere Gottesdienste einbrachte. Cornelius Fritz aus Hagelloch begleitet den Chor seit dieser Zeit sehr virtuos am Piano.

Everything must change ¼ (Alles muß sich ändern ¼ )

Nach fünfjähriger gemeinsamer Chorarbeit, gekrönt durch ein gelungenes Konzert in Bierlingen, ging die Ära mit Martin Zirngibl zu Ende. Aber – ein Ende birgt auch einen Neuanfang in sich.

Der Chor konnte im Januar '96 Romy Camerun – Jazz- und Blues-Sängerin aus Bremen – als neue Chorleiterin gewinnen. Die räumliche Entfernung zwischen Gönningen und Bremen machte eine Veränderung der Probenarbeit notwendig. Die regelmäßigen Dienstagsproben hat seither Cornelius Fritz übernommen, mit Romy Camerun probt der Chor zusätzlich an zehn Wochenenden im Jahr und legt seine acht Konzerttermine pro Jahr auf diese Wochenenden. Seine Verbundenheit mit der Kirchengemeinde erweist der Chor durch seine Mitwirkung bei Gottes-diensten. Auch beim Gemeindefest und der Kinderbibelwoche zeigt der Chor seine Präsenz. Die Mitgliederstärke beträgt konstant 40 Personen, ausgewogen verteilt in allen Stimmen (ein paar Männer mehr wären aber nicht schlecht!). Der Einzugsbereich ist zwischenzeitlich auch recht weit: Von der Alb über Tübingen und bis nach Waiblingen reisen die Chormitglieder zu Proben und Konzerten an. Bei einem der letzten Konzerte wurde gefragt, ob denn auch noch Gönninger im Chor mitsingen. Zwei gebürtige Gönninger/innen und 14 "Reigschmeckte" sind es aber immerhin. Der Chor organisiert sich demokratisch, jährlich werden acht Chor-mitglieder in den Chorrat gewählt. Dieser Chorrat vertritt in Zusammenarbeit mit der künstlerischen Leitung die Interessen des Chores in allen Belangen,. plant und organisiert die Konzerte und Veranstaltungen.

Jesus will keep his promise ¼ (Jesus wird sein Versprechen halten ¼ )

Am Anfang stand eine riesige Entführung. Viele Millionen Afrikaner wurden gekidnappt und unter für uns unvorstellbaren Umständen nach Nordamerika verschleppt. Ihrer Freiheit, ihrer Heimat, ihrer Namen, ihrer Sprache, ihrer Familien und ihrer Religion beraubt, retteten diese unendlich Tapferen zwei Dinge, die ihnen ihre weißen Herren nicht nehmen konnten: Ihre Würde und ihre Musik und die Hoffnung, die aus ihr strahlt. Hoffnung auf ein besseres Leben jenseits der Sklaverei in Freiheit. Die Strahlkraft ihrer Hoffnung, die Lebensfreude, der Rythmus und nicht zuletzt die tiefe Spiritualität der Gospelmusik hat uns berührt und erreicht. Wir begreifen sie als Geschenk und als Vermächtnis dieser Afrikaner/innen, die Sklaven wurden und nun frei sind, weil Jesus Christus seine Versprechen hält. Die Freude über dieses Geschenk teilen wir sehr gerne mit unserem Publikum. Trotz unterschiedlicher Meinungen und Ansichten sind die Chormitglieder mit diesen Worten vereint.

I don΄t feel no way tired ¼ (Ich bin keineswegs müde ¼ )

Neben vielen Auftritten, z.B. bei einem Chorfestival in Wunstorf bei Hannover im Juli '98, plant der Chor die Herausgabe einer eigenen CD. Erste Schritte hierzu sind bereits getan. Die nächsten Konzerte sind im Oktober in Walddorf-Häslach, im November in Höpfingen (Neckar-Odenwald-Kreis) und dann am 5. Dezember '98 endlich wieder in Gönningen.

Give thanks ¼ (Danke ¼ )

Für die Unterstützung auf vielfältige Weise bedankt sich der Chor bei: Pfr. Heinz Gerstlauer, Martin Zirngibl, dem Kirchengemeinderat, Frau Bader, Frau Böhringer und Frau Zirngibl, Frau Deh, Frau Haag, Ralf Brenner aus Nehren, bei allen ehemaligen Chormitgliedern, der örtlichen Presse sowie all unseren Fans. Besonders herzlicher Dank für sein stets offenes Haus, seine stets offene E-Mail-Box und sein stets offenes Wesen gebührt Herrn Pfr. Alexander Behrend.

Kontaktadresse:

Hans Lederer – Schweizer Gasse 10 – 72393 Salmendingen – Tel. (07126) 92980 – Telefax (07126) 1025 –Mobil 0172 980 9966 –

E-Mail Gospelchor@aol.com

"Ein Abend, der uns beeindruckt hat" –

Ursel Nübel und Erni Ackermann-Knoll berichten über den Besuch von Willi Hoss in unserer Gemeinde

Am 19. Juni war Willi Hoss zu Gast in unserer Kirchengemeinde. Der Rentner "im Unruhestand" war früher Schweißer bei Daimler Benz, Betriebsrat und Bundestagsabgeordneter. Seit seiner Pensionierung 1991 leistet er praktische Entwicklungshilfe im brasilianischen Regenwald. Er ist mittlerweile zum "Professor h. c." ernannt worden und wurde zum "Beauftragten für ökologische und soziale Fragen Amazoniens in Deutschland und in der EU".

Sehr eindrucksvoll berichtete Willi Hoss an Hand von Dias, wie er in Amazonien erfolgreich versucht, Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten. Er sammelt in deutschen Gemeinden Geld, um armen Dörfern das Material für den Bau einer Trinkwasseranlage zu liefern. Die Einwohner geben dazu ihre Arbeitskraft, und sie sind glücklich darüber, nicht mehr verschmutztes Wasser aus dem Fluß. schöpfen zu müssen, was die Ursache vieler Krankheiten war.

Dem Raubbau am Regenwald wirkt der engagierte End-Sechziger entgegen, indem er den Bauern zeigt, wie sie durch Mischanbau den Boden lange fruchtbar halten können. Dies verhindert weitere Brandrodungen zur Gewinnung von fruchtbarem Boden und bietet eine Existenzmöglichkeit für Bauern. Dies sind nur zwei von vielen Beispielen, mit denen Willi Hoss versucht, den Alltag der Menschen in Amazonien zu verbessern. So trägt er gleichzeitig dazu bei, daß nicht nur das Ökosystem Regenwald überlebt, sondern auch wir weiterhin genügend Luft zum Atmen haben.

Willi Hoss nutzt dabei erfolgreich die Verbindungen, die er beispielsweise zu seinem ehemaligen Arbeitsgeber Daimler Benz, anderen europäischen Unternehmen und politischen Institutionen hat. Er arbeitet auch mit der Universität von Para in Amazonien sowie örtlichen Einrichtungen zusammen, um nicht nur Geld, sondern auch das nötige Know-How zu vermitteln.

Willi Hoss beeindruckte uns mit seiner Begeisterung und seinem Engagement für den Erhalt des größten zusammenhängenden Regenwaldgebietes der Welt und die Existenzsicherung der dort lebenden Menschen.

Unterstützung der Amazonien-Projekte sind über das Konto unserer Kirchengemeinde bei der Kreissparkasse Reutlingen, BLZ 640 500 00, Konto 91569, unter Angabe des Stichwortes "Amazonien" möglich. Ein weiterer Vortrag im Rahmen unserer "Umweltthemen" findet am 8. Oktober mit Pfr. Romeo Edel aus Tübingen statt: "gegenSteuern?!" – zur ökologischen Steuerreform.

 

 

Unser Umwelt–Tip (Nr. 3)

"Wußten Sie, daß ¼ " von Konrad Wagner

Wußten Sie, daß Energiesparlampen sich wirklich lohnen?

Eine einfache Rechnung:

Fazit: Energiesparlampen sind insgesamt vierzigmal günstiger als normale Glühlampen. Da dürfen sie bei der Anschaffung schon mal zwanzigmal teurer sein – und lohnen sich immer noch!

Deshalb: Denken Sie beim nächsten Lampenkauf an Energiesparlampen!

Aber denken Sie auch daran: Sie lassen sich nicht "dimmen", also in ihrer Helligkeit regeln. Sie mögen es nicht, dauernd ein- und ausgeschaltet zu werden.

Trotzdem beim nächsten Lampenkauf dran denken ¼

Eine Gruppe werden, sich zusammenfinden ¼

Die neuen Konfirmandinnen und Konfirmanden haben ihre gemeinsame Zeit begonnen

Ob aus 23 einzelnen eine Gruppe werden kann, die sich versteht, die ein Stückchen Weg miteinander unterwegs ist durch ein Konfirmanden-Jahr (und womöglich darüber hinaus)? 23 Mädchen und Jungen, und jede und jeder mit eigener Handschrift und eigenem Gesicht .

Für viele war das Bezirks-Konfi-Camp Ende Juni mit über 500 Konfirmandinnen und Konfirmanden ein erstes Highlight.

Neben dem Unterricht warten Konfis-Tage, eine Freizeit, der Vorstellungsgottesdienst am 4. Oktober, Exkursionen ¼ auf "die Neuen". Daß es dabei nicht nur um "Stoff" geht, soll auch der Beginn in der Kirche deutlich machen: Eine kleine Unterbrechung des Tageslaufes im Chorraum, hören auf ein Bibelwort, miteinander singen und beten

"Rückblick" – Was macht eigentlich Gottlieb Kiefer

Dietrich Birkenhofer fragt nach

Herr Kiefer, Sie sind seit über 50 Jahren Gönninger. Sie sind aber in Mössingen aufgewachsen. Wie kam es, daß Sie in Gönningen heimisch wurden?

Wenn man Gönningen wieder verlassen will, darf man sich nicht lange häuslich einrichten, denn sonst kommt man von hier nicht mehr weg. Als ich 1947 die Geschäftsführung der damaligen Genossenschaftsbank antrat, lernte ich "die Gönninger" ja ziemlich schnell kennen. Ich habe die offene Art der Menschen in Gönningen schätzen gelernt, da diese durchaus auch meinem Naturell entspricht. Dazu kommt die reizvolle Lage des Ortes. Meine Frau und ich fühlten uns von Anfang an wohl. Wir lernten Nachbarn, Bekannte und Freunde kennen. Die Familie wurde größer und die Wurzeln in Gönningen tiefer. Trotz anderweitiger Möglichkeiten haben wir uns für immer für Gönningen entschieden – und nie bereut!

Wieviel Jahre waren Sie Kirchengemeinderat in Gönningen? Was wurde in dieser Zeit Wichtiges entschieden?

Meines Wissens war ich 26 Jahre Kirchengemeinderat. In dieser Zeit wurde die Anschaffung der Glocken entschieden und die große Renovierung der Kirche durchgeführt. Außerdem bemühte sich der Kirchengemeinderat lange um einen Bauplatz für das Gemeindehaus, der dann auch in der Samenhandelstraße gefunden wurde. Das Gemeindehaus sollte nach unseren Vorstellungen damals den alten und neuen Ortsteil verbinden. Daß sich dann später noch eine bessere Lösung mit dem heutigen Standort ergab, ist ja dann nur zu begrüßen.

Der Umgang mit Geld war ein Teil Ihres Lebens, war Ihr Beruf. Erzählen Sie doch die Episode von Ihrem Fund von fünf Fünfzig-Pfennig-Stücken, als Sie auf dem Weg zur Kirche waren!

Das geschah in der Zeit, als sich die Bruttogehälter noch in Hunderten bewegten und fünfzig Pfennig für die meisten Familien noch ein Opfer war. Auf dem Weg zur Kirche fand ich in kurzen Abständen Fünfzig-Pfennig-Stücke . Wahrscheinlich hatte sie ein Spätheimkehrer verloren. Ich saß in der Kirche auf der Empore und die Geldstücke ließen mir keine Ruhe. Wie viele sollte ich opfern? Doch nicht etwa alle! Eins oder zwei oder drei? Ich weiß heute noch nicht, über was der Pfarrer damals gepredigte, aber letztlich hat mein Gewissen doch gesiegt ¼

Wie ließ sich Kirche und Bank verbinden? Gab es da auch mal Probleme?

Es gab kaum Probleme zwischen meinem Beruf und meinen Aufgaben in der Kirchengemeinde. Höchstens in der Anfangszeit, als die Kirchensteuer noch durch den Kirchengemeinderat festgesetzt und eingezogen wurde (nach Steuerlisten und Schätzungen). Der eine oder andere dürfte damals Insiderwissen unterstellt haben, und einigemal wurden mir auch Vorhaltungen gemacht. Im offenen Gespräch konnte jedoch vieles ausgeräumt werden.

Wie sieht Ihr Alltag heute aus? Gibt es überhaupt einen Alltag?

Oh ja, es gibt einen Alltag! Gottseidank sind meine Frau und ich noch gesund, so daß wir ohne Hilfe alles selbst erledigen können. Da ist zuerst die große Familie, der wir uns immer gerne zur Verfügung stellen. Im Haus selbst gibt es immer etwas zu tun. Der große Garten erfordert viel Arbeit und auch die beiden Baumgrundstücke wollen gepflegt sein. Außerdem nehmen wir uns auch Zeit zum "Nichtstun", gehen mit den Gönninger "Jüngeren Senioren" weg oder wir verreisen mal. Langweilig ist es mir seit ich Rentner bin eigentlich noch nie gewesen.

Sie haben Enkelkinder. Was würden Sie heute jungen Menschen als Rat fürs Leben mitgeben?

Meinen Enkeln gebe oder gab ich den Rat, sich eine eigene Meinung zu bilden und diese auch zu vertreten, menschlich und tolerant gegen jedermann zu sein, sich zu bemühen – auch schon in der Schule oder beim Studium –, denn ohne eigenes Bemühen ist nichts zu erreichen. Nicht jeden Quatsch hören und jedem Krampf nachlaufen, dann wird sich auch heute noch ein lohnender Weg durchs Leben finden lassen.

Sie sind ein treuer Kirchgänger. Sie sind auch ein kritischer Kirchgänger. Haben Sie diesbezüglich Wünsche oder Anregungen? Haben Sie eine Vorstellung, wie man mehr Gottesdienstbesucher "anlocken" kann?

Ich habe keine besonderen Wünsche bezüglich des Gottesdienstes. Ich finde, daß man den Kirchenbesuch nicht erzwingen kann. Auch "anlocken" mag ich nicht so richtig. Vielleicht hilft den jungen Menschen einfach das Vormachen!

Junge Leute, neue Fragen - Kirchengemeinderat im Juni in Klausur

Der Zweite KGR-Vorsitzende Rüdiger Mauser berichtet

Bei seiner Wochenend-Tagung in Tieringen befaßte sich der KGR im Juni schwerpunktmäßig mit den beiden Themen "Evangelische Jugend-arbeit" und den "Überlegungen zur Kooperation und Zusammenarbeit von Kirchengemeinden und daraus folgenden Strukturreformen".

Werner Baur aus Mössingen, Landessynodaler und künftiger Oberkirchenrat für das Dezernat "Kirche und Bildung", referierte als kompetenter Ansprechpartner über Probleme und neue Ansätze in der Jugendarbeit. Wir leben in einer "Multioptionsgesellschaft", in der die Konsumangebote stetig steigen, es jedoch immer weniger echte Beziehungen gibt. Eine Medien- und Informationsflut wird von wachsender Orientierungslosigkeit begleitet. Es gibt immer mehr Bildungschancen, aber gleichzeitig immer weniger Arbeitsplätze. In unserer Erziehung muß darauf geachtet werden, daß Kinder und Jugendliche nicht mit goldenen Brücken auf falsche Fährten gelockt werden.

Jugendarbeit ist Beziehungsarbeit nach innen und nach außen, sie setzt Kontaktfähigkeit voraus. Durch Zuwendung soll Persönlichkeit gestärkt werden, wachsendes Selbstvertrauen kann Talente und Gaben zur Entfaltung bringen. Wer anderen Personen Vertrauen schenkt, zeigt, daß er sie ernst nimmt. Jugendlichen, die wieder Hoffnung haben, darf man Leistung zutrauen, Mühen zumuten, Verantwortung übertragen.

Neben den Projektangeboten Kinderbibelwoche, Weihnachtsmusical und Grünes Tal gibt es in unserer Kirchengemeinde derzeit eine große Gruppe 13-17jähriger, die von Daniela und Peter Hettler und Diakon Andreas Kopp betreut werden. Hier wurde uns erfreulicherweise auch von einem Jugendgottesdienst berichtet, der sehr viel Resonanz gefunden hat.

Die durch zurückgehende Gemeindegliederzahlen bedingte finanzielle Situation unserer Landeskirche aber auch die missionarische Herausforderung unserer Zeit verlangen dringend neue Wege und Strukturen in unserer Gemeindearbeit. So muß man sich z.B. darauf einstellen, daß ab dem Jahr 2015 die Zahl der Pfarrstellen in unserem Bereich um 25% sinken wird. Deswegen wurden vom Oberkirchenrat Überlegungen angeregt, jetzt schon neue Kooperations- und Organisationsmodelle zu erschließen, bei welchen die Versorgung der Gemeinden auf einem qualitativ hohen Maß gehalten werden kann. Bei Wahrung eines größtmöglichen Maßes an Selbständigkeit sollen Gemeindenachbarschaften gebildet werden mit dem Ziel, die Befriedigung gemeinsamer Bedürfnisse in Zusammenarbeit zu intensivieren und zu optimieren. Zum einen kann so eine Verinselung einzelner Gemeinden verhindert werden. Andererseits bietet sich die Chance, in gegenseitiger Zusammenarbeit sich dort zu unterstützen, wo Defizite erkannt werden, sich zu spezialisieren, Aufgaben zu bündeln.

Die neue Situation verlangt, daß Pfarrer mehr Zeit für die Wahrnehmung ihrer eigentlichen theologischen Arbeit beim Gottesdienst, bei der Sakramentsverwaltung, bei den Kasualien, bei der Seelsorge und beim Unterricht bekommen müssen. Unter der neutestamentlichen Sicht der Gemeinde als "Leib Christi" können nun qualifizierte ehrenamtliche Mitglieder selbständig Aufgaben im Bereich der Finanzen, der Geschäftsführung, der Organisation und der innerkirchlichen Bürokratie übernehmen. Das Pfarrbüro sollte zu einem Gemeindebüro weiterentwickelt werden. Um Menschen den Zugang zu den Zielen unserer Arbeit näher zu bringen, wäre die Einrichtung einer Aktivbörse oder eines Bürgerbüros denkbar.

In Gemeindenachbarschaften ließen sich z.B. themenorientierte Veranstaltungen wie Bibelwochen, Vortragsreihen, Familienfreizeiten etc. effizienter planen und durchführen. Risiken würden bei gemeinsam angebotenen kulturellen Veranstaltungen minimiert. Benachbarte Kirchengemeinderäte könnten sich über bewährte Praktiken und Formen austauschen sowie in gemeindeübergreifend arbeitenden Ausschüssen Kräfte konzentrieren. Wir könnten von Experten und Aktivitäten der mit uns vernetzten Nachbargemeinde profitieren, während die Arbeit in unseren Miniclubs, dem kirchlichen Kindergarten, den Chören und unsere Erwachsenenarbeit durchaus auch von anderen mit Interesse verfolgt wird.

Die Durchsetzung dieses Konzepts verlangt, daß ein erweitertes Mitarbeiterteam von qualifizierten und engagierten Menschen herangebildet wird, die sich unter Umständen auch nur punktuell für ein zeitlich begrenztes Projekt zur Verfügung stellen. Dabei sollten auch immer die Chancen ökumenischer Zusammenarbeit im Blick bleiben.